Diskussion um Zustandsnoten schwillt an

Wieso und seit wann es das Bewertungssystem gibt – Teil 1

| Autor: Herbert F. Schulze

Nicht selten sorgen die bekannte Zustandnote und ihre Ermittlung bei Oldtimern für Diskussionen. Nun soll das System überarbeitet werden.
Nicht selten sorgen die bekannte Zustandnote und ihre Ermittlung bei Oldtimern für Diskussionen. Nun soll das System überarbeitet werden. (Bild: GTÜ)

Die Diskussion zu den am Markt etablierten Bewertungskriterien („Zustandsnoten“) nimmt wieder Fahrt auf. Offenbar scheint das bestehende Benotungs- und Bewertungssystem nicht mehr zeitgemäß zu sein. Aktuell hat der Parlamentskreis „Automobiles Kulturgut“ im Deutschen Bundestag im Frühjahr einen Bericht der „Arbeitsgruppe Zustandsnoten“ veröffentlicht. Diese befasst sich seit dem vergangenen Jahr intensiv mit einer Überarbeitung der Bewertungskriterien.

Das grundlegende Problem der Zustandsbewertung liege wohl in der Diskrepanz zwischen dem allgemeinen Wunsch nach einem klar definierten und leicht verständlichen System einerseits und andererseits der Tatsache, dass sich die komplexe und mitunter vielschichtige Historie eines Fahrzeugs nicht ausschließlich anhand eines minimalistischen Bewertungsschlüssels beschreiben lässt, so der Tenor der Arbeitsgruppe.

Die Gruppe schlägt vor, dem aktuell die Noten 1 bis 5 umfassenden Bewertungssystem ein Ausrufezeichen als sichtbaren Hinweis auf eine besondere historische Bedeutung anzufügen, um die ermittelte Zustandsnote aufzuwerten. Ausführlich soll die Besonderheit des bewerteten Fahrzeugs zudem ein separater Teil des Gutachtens darstellen. Ganz neu ist dieser Vorschlag nicht, denn die Diskussion ist so alt wie die Oldtimerszene selbst. Ein Blick in die Historie der Entwicklung dieses Bewertungssystems kann da nicht schaden.

Zustandsnoten vor mehr als 40 Jahren geboren

Leitsätze zur Wertermittlung und insbesondere die Kriterien und Methoden bei der Bewertung von historischen Kraftfahrzeugen, wurden bereits in den frühen Siebzigerjahren entwickelt. Gemeint waren damals wie heute alle klassischen Kraftfahrzeuge (Automobile, Motorräder und Nutzfahrzeuge), die älter als zwölf bis 15 Jahre sind und deren Notierungen damit in den gängigen Gebrauchtwagenlisten der DAT (Deutsche Automobil Treuhand) oder Schwacke nicht mehr gelistet werden. Die Ermittlungsverfahren für klassische Fahrzeuge beginnen also jenseits der Altersgrenze von 15 Jahren oder wenn ein nicht mehr produziertes Modell in den Fokus von Sammlern oder Enthusiasten gerät. Eine häufige Frage lautet dann „Was ist dieses Fahrzeug wert?“, und in der Regel werden sehr schnell die sogenannten Marktspiegel in den Ring geworfen, um einen „Marktpreis“ zu ermitteln.

Ab 1977 gab z. B. Eurotax-Schwacke mit dem Marktbericht „Inter-Classic“ einen jährlich in zwei Ausgaben veröffentlichten Marktbericht heraus – der nur echten „Experten“ ein Begriff war, bei über 800 Euro pro Exemplar verständlich. Der Inter-Classic listete Tausende von Sammlerfahrzeugen auf, und zwar aus mehreren Währungsbereichen und nach Baujahr und Zustand differenziert. Jede dieser Ausgaben umfasste also über 800 Seiten mit rund 36.000 Notierungen von mehr als 200 weltweit gängigen Automarken. In den Inter-Classic-Marktberichten fanden sich denn auch erstmals die bis heute verwendeten Zustandsnoten 1 bis 5. Zur Feststellung der Zustandsnote diente mittlerweile die international anerkannte „Checkliste für Fahrzeugbewertung von Oldtimern“, die entweder in einer Zustandsnote 1 bis 5 oder in die Fahrzeugerhaltungsgruppen der FIVA – Gruppe 1 „Original“ bis Gruppe 4 „Wiederaufgebaut“ – mündet.

Der Preis als Ergebnis eines Interessenausgleichs Verkäufer–Käufer

Wertermittlung ist jedoch mehr als die Feststellung eines Pflege- und Erhaltungszustands. Sie ist ungleich differenzierter und hängt von objektiven Kriterien, Bestimmungen und Definitionen ab. Den Wert eines klassischen Kraftfahrzeugs zu ermitteln, ist auch ungleich aufwendiger, als den Wert eines Neu- und Gebrauchtwagens festzustellen. Gebrauchte sind aufgrund ihres jungen Alters oder ihrer „Neuwertigkeit“ nahezu in gleicher Lieferqualität zu haben und differieren preislich meist nur in Sachen Sonderausstattungen. Ein klassisches Kraftfahrzeug hingegen hat nach 30 oder mehr Jahren in der Regel zahlreiche Modifikationen, Restaurierungen, eventuell Umbauten oder Anbauten erfahren, die nicht immer auf verkehrs- und sicherheitstechnische Aspekte zurückzuführen sind, sondern dem jeweiligen Geschmack oder dem Sicherheitsbedürfnis des Besitzers entsprechen.

Der Anlass, diese Diskussion überhaupt neu aufzugreifen, ist eigentlich immer der gleiche. Alle paar Jahre kommt die Forderung nach mehr Objektivität, da die im Markt kommunizierten hohen Streuungen bei der Wertermittlung und Wertfestsetzung von Liebhaberfahrzeugen aus dem Ruder zu laufen drohen. Ein Markt, der getrieben wird durch permanent steigende Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot, bedarf objektiver Regeln, um einen „allgemein anerkannten“ Interessenausgleich zwischen Nachfrager und Anbieter herzustellen. Das Ergebnis dieses Interessenausgleichs ist der konkrete Preis. Er manifestiert sich beim tatsächlichen Verkauf des Kraftfahrzeugs.

Die Klassiker der Fahrzeugbewertung: Schwacke und DAT

Grundsätzlich ist gegen eine Marktbeobachtung nichts einzuwenden, wenn die Parameter und Messinstrumente stimmen, möglichst umfassend die Stimmung am Markt wiedergeben und die erzielten Preise um Steueraufschläge und Gewinnmargen bereinigt in ein klar definiertes Auswertungsschema fließen. Wie also kommen diese „Marktbeobachter“ zu ihren Werten, und was ist davon zu halten? Beginnen wir mit den Klassikern der Fahrzeugbewertung – den Schwacke- und DAT-Listen des Gebrauchtwagenmarktes, die seit den Wirtschaftswunderjahren dem Kraftfahrzeughandel in Deutschland gute Dienste und vor allem anerkannte Fahrzeugwerte liefern, aber eben nicht dauerhaft. Nach zwölf Jahren verschwinden die Automobile aus der Liste. Die Begründung der Wertermittler: Dann erreichten Personenkraftwagen einen Wert, der sich nicht mehr neutral und objektiv ermitteln lasse. Dann würden nur noch die eigene Marktbeobachtung und alternative Angebotsdurchforstung einschlägiger Fahrzeug-Onlinebörsen helfen oder aber die Erfahrungswerte der für diese Altfahrzeuge qualifizierten Sachverständigen.

Der wichtigste Ermittlungsbereich der Marktbeobachtung ist die Sammlung von Angebots- und Verkaufspreisen aus dem bundesdeutschen Fahrzeughandel. Pro Monat werden dabei mehr als eine Million Preisinformationen erhoben, die aus Online-Fahrzeugbörsen wie Mobile.de, Autoscout 24, Börsen der Fahrzeughersteller und aus Anzeigenteilen der Printmedien stammen. Pro Jahr werden also mehr als zwölf Millionen Preisinformationen erhoben, von denen aber z. B. nach Angabe von Schwacke nur rund 300.000 reale Verkaufspreise sind. Der Rest sind Angebotspreise, also jene Preise, die von den Verkäufern als Preis oder Verhandlungsbasis aufgerufen werden. Der tatsächlich ausgehandelte Verkaufspreis ist in der Masse also nicht ermittelbar.

Der zweite Teilbereich der Marktbeobachtung besteht in regelmäßig stattfindenden Händlerrunden oder aber Händlerbesuchen, bei denen die aktuelle Marktsituation, die regionalen Besonderheiten und die individuelle Preispolitik der Händler abgefragt wird. Der dritte Teilbereich besteht aus aktiven telefonischen Umfragen bei allen Händlern, in denen wiederum die aktuell vorliegende Marktsituation, aktuelle Margen und Preisnachlässe erfragt werden. Der vierte und letzte Teil der Marktbeobachtung umfasst die Standzeiten von Kraftfahrzeugen bei den Händlern sowie statistische Daten des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) zu Neuzulassungen, Besitzumschreibungen und aktuellen Bestandszahlen.

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