Hochsicherheits-Limousinen: Feuer frei!

Autor / Redakteur: Stefan Grundhoff / Dipl.-Päd. Gerd Steiler

Gepanzerte Autos gibt es weit mehr, als man denkt. Den meisten sieht man ihre Panzerung nicht an. Mindestens genauso wichtig wie die schweren Panzerungen ist das richtige Bordpersonal.

Die Hochsicherheits-Limousine Mercedes S 600 Maybach Guard kostet ab 560.000 Euro.
Die Hochsicherheits-Limousine Mercedes S 600 Maybach Guard kostet ab 560.000 Euro.
(Foto: Grundhoff)

Fahrinstruktor Michael Steinmichel spricht kurze präzise Anweisungen in das blechern klingende Funkgerät. Es ist kalt und es schneit leicht in Saalfelden. „Gegenlenken, stärker, stärker – nein, das hat nicht gereicht.“ Die Schleuderplatte offenbart die Fehler des Piloten mitleidlos. Doch heute sitzen keine gewöhnlichen Fahrer am Steuer und die Autos sind keine normalen Alltagsmodelle wie VW Golf, BMW 3er oder Mazda 6.

Das erfahrene Duo Michael Steinmichel und Michael Weykopf zeigt Personenschützern und Chauffeuren von Konzernen im Tiroler Schnee, wie man ein Schutzfahrzeug richtig im Grenzbereich bewegt. Der schwarze Mercedes sieht auf den ersten Blick aus wie eine ganz normale S-Klasse. „Doch technisch ist der S 600 Guard ein völlig anderes Auto“, erklärt Markus Nast, bei Daimler für die Vermarktung von gepanzerten Fahrzeugen aller Art zuständig, „dieses Modell mit der Schutzstufe VR9 wiegt über vier Tonnen. Geschützt durch eine geheime Mischung aus Stahl, Aramid und Kevlar.“

Durch die zumindest von außen kaum erkennbaren Panzerungen verdoppelt die über 600 PS starke Mercedes S-Klasse, mit der sich gewöhnlich Staatsoberhäupter, Könige und Spitzen von Großkonzernen zu ihren Terminen bringen lassen, ihr Normalgewicht von zwei Tonnen. Zudem rollt der Panzerkoloss auf Spezialreifen aus dem Hause Michelin, die den Mercedes S 600 Guard auch manövrierfähig bleiben lassen, wenn die Reifen zerstört sind. Ein spezieller Gummiring sorgt dafür, dass der Pax-Reifen auf der Felge bleibt. „Die Nachfrage nach gepanzerten Fahrzeugen nimmt immer weiter zu“, erzählt Markus Nast, „wer bei uns eine schwer gepanzerten S-Klasse kauft, bekommt ein entsprechendes Fahrertraining dazu.“

Allemal sinnvoll, denn wer selbst einmal eine Panzerlimousine gefahren ist, wird merken, dass eine Verdoppelung des Gewichts und die nennenswerte Verlagerung des Schwerpunkts das Fahren im Grenzbereich nicht leichter macht. Ganz zu schweigen von den zentimeterdicken Panzerscheiben, die eine Tür mehr als 160 Kilogramm schwer werden lassen. Die zahllosen Schichten aus Glas und Folien verzerren das Bild – das merken die Fahrschüler nicht erst beim Ausweichmanöver.

Leichte Übungen gibt es nicht

Die meisten Fahrschüler machen das Fahrtraining bei Michael Weykopf nicht zum ersten Mal. „Das können Leute von der Polizei, vom BKA oder aus Konsulaten sein“, erzählt Weykopf, der seit den frühen 70er Jahren als Fahrtrainer unterwegs ist und seit 13 Jahren mit Panzertrainings durch die Welt reist. Gerade erst hat er in der Inneren Mongolei chinesischen Sportwagenfans das Driften auf Eis und Schnee nähergebracht – rund sechs Wochen lang. „Die Trainings mit den Panzermodellen sind natürlich etwas anderes“, unterstreicht er. „Nahezu alles dreht sich um das hohe Gewicht. Natürlich gibt es auch Verteidigungstrainings, wenn solche Fahrzeuge angegriffen werden.

Doch erst einmal müssen die Fahrer lernen, mit diesen Autos umzugehen. Das ist schwierig genug.“ Er spricht von gewaltigen Unterschieden, die Fahrer und Personenschützer mitbringen: „Manche kommen immer wieder und wissen sehr genau wie man ein solches Fahrzeuge sicher und schnell bewegt. Doch das ist nicht bei allen so.“ Er plaudert aus dem Trainingsgeschäft von im Fahrzeug einfach herumliegenden Waffen und Armeen von Mobiltelefonen, die im Falle eines Falles durch die Limousine fliegen können.

Bei der nächsten Übung geht es auf einen vereisten Rundkurs. ESP aus – gute Laune an – die tonnenschweren Kolosse werden zum grazilen Eiswalzer gebeten. Das Heck mit dem Gasstoß leicht auskeilen lassen und dann mit einer gekonnten Symbiose aus Lenkgefühl und Gasfuß halten. Das klappt bei vielen auf Anhieb besser als mit einem normalen Auto, weil die Schwerpanzer deutlich träger sind. Als sich die erste dunkle Limousine in einen Schneehaufen verabschiedet, zeigen sich jedoch auch die Tücken von vier Tonnen Gewicht, Eis und 600 PS. Leichte Übungen gibt es hier nicht. Immer wieder drehen die Fahrschüler ihre Runden und als es zum Mittagessen geht, pusten sie erst einmal durch.

(ID:43890488)