IAA 2021: Was die Bewerber auszeichnet

VDA erwartet knappe Entscheidung

| Autor: dpa/gr

Automessen ziehen schon noch das Publikum, aber es werden weniger. Deshalb stellen die Autobauer ihr Kommen auf den Prüfstand.
Automessen ziehen schon noch das Publikum, aber es werden weniger. Deshalb stellen die Autobauer ihr Kommen auf den Prüfstand. (Bild: Grimm/»kfz-betrieb«)

In der Ausschreibung um die nächste Internationale Automobilausstellung Pkw (IAA) erwartet der Veranstalter VDA ein knappes Rennen zwischen den sieben Bewerberstädten. Diese müssen am 23. und 24. Januar in Berlin ihre Konzepte für die Veranstaltung im Herbst 2021 präsentieren. Der Verband will zunächst eine Shortlist aus drei Bewerbungen erstellen und laut früherer Ankündigung noch im ersten Quartal den Zuschlag erteilen.

„Es sind alles spannende Standorte“, kommentierte ein VDA-Sprecher die Bewerbungen. Neben dem bisherigen Veranstalter Frankfurt beteiligen sich Berlin, München, Köln, Hamburg, Stuttgart und Hannover an der Ausschreibung. Bislang hatte die Messe alle zwei Jahre in Frankfurt stattgefunden, wo es im vergangenen Jahr aber einen deutlichen Besucherschwund und massive Proteste gegen die Autoindustrie gegeben hatte.

IAA 2019: Neuheitenmesse trifft Vergangenheit

Der Verband verlangt umfassende Organisationskonzepte und Investitionen, um aus der IAA eine Plattform moderner Mobilität zu machen, die auch andere Verkehrsträger berücksichtigt. Neben der klassischen Autoschau und Kongressangeboten stellt sich die Industrie eine großzügige Freifläche mit Teststrecken und Parcours vor. Besucher sollen dort und auf den Verbindungswegen beispielsweise automatisiert fahrende Autos mit alternativen Antrieben oder neue Mobilitätsangebote in Praxistests erleben können. Auch bislang verpönte Verkaufsausstellungen mit Show-Elementen will der VDA auf Druck der Hersteller gestatten.

Branchenwandel trifft die Messen

Damit reagiert der VDA unter anderem auf den immer deutlicher werdenden Umbruch in der Branche, der eben nicht nur die Hersteller und ihre Beziehungen zum Kunden betrifft, sondern auch die Messen als Darstellungs- und Präsentationsform. Schon vor Jahren hatte die Automobil International (AMI) in Leipzig nach rapidem Zuschauer- und Ausstellerschwund aufgegeben, die IAA 2019 hatte gegenüber der vorherigen Auflage 2017 einen Besucherschwund von 30 Prozent zu verkraften und aktuell gibt es erste größere Absagen für den Genfer Automobilsalon 2020.

Inzwischen haben sich die Messegesellschaften der Bewerberstädte mit ihren Konzepten in Stellung gebracht und lassen prominente Befürworter aus der Politik für sich sprechen. Stuttgart etwa rechnet sich mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit trotz Dauerstau, Bahnhofsmisere und Diesel-Fahrverbot gute Chancen aus. „Wir sind die Heimatstadt der Mobilität“, sagt Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Die Stadt habe eines der dichtesten Ladesäulen-Netze für Elektroautos. Es gebe bereits erste Taxistände mit Schnellladesäulen, zudem prüfe man, wie sich Seilbahnen in der Stadt nutzen ließen. Ein Malus könnte für die schwäbische Heimatstadt von Porsche und Mercedes die allzu große Nähe zu einem dominanten Hersteller sein. Das trifft aber auch auf München und Hannover zu.

Die Bewerber und ihre Pluspunkte

Hannover, bereits Austragungsort der IAA Nutzfahrzeuge, setzt auf sein weitläufiges Messegelände mit großen Freiflächen. Die zunehmende Vernetzung von Autos könne dort getestet werden. „Hannover ist das einzige Messegelände, das zur IAA ein 5G-Netz und ein digitales Verkehrssystem für automatisiertes und vernetztes Fahren bieten kann“, hieß es bei der Messegesellschaft. Die 5G-Technologie solle dort ab Sommer 2020 bereitstehen und autonomes Fahren auch auf Abschnitten der Autobahnen A2, A7 und A39 erlebbar machen.

Große Hoffnungen macht sich auch München. „Wir haben einen Fünf-Sterne-Flughafen“, und „wir haben eines der besten und modernsten Messegelände, die es weltweit gibt“, nennt Messechef Klaus Dittrich als Pluspunkte. Mit BMW, Audi, MAN und vielen Zulieferern sei Bayern ein wichtiger Standort der Autoindustrie. Die großen US-Tech-Konzerne Microsoft, Apple, Google, Amazon und IBM hätten wichtige Standorte beziehungsweise ihre Deutschland-Zentralen in München. Die bayerische Staatsregierung unterstützt die IAA-Bewerbung.

Mit der Nähe zu Automobilmarken könnte Köln ebenfalls punkten, sitzen doch hier neben Ford auch mehrere Importeure wie Renault, Nissan oder Toyota. Punkten will Messe-Geschäftsführer Gerald Böse aber mit anderen Werten: „Die neue IAA muss die Gamescom der Mobilität werden“, sagt er mit Blick auf die jährlich in der Domstadt stattfindende Online-Spiele-Messe. Man wolle Autofans „mit einem emotionalen Event“ ansprechen und dabei alle Facetten der Mobilität einbeziehen – sowohl die ökonomischen als auch die ökologischen.

Traditionsveranstalter Frankfurt setzt auf Urbanität und will wegen der vielen Einpendler gleichzeitig das Rhein-Main-Gebiet einbinden. „Wir gehen mit der IAA dorthin, wo die Menschen bereits sind“, sagt Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU). Mit Flughafen, Hauptbahnhof, Internetknoten und Autobahnkreuz stelle Frankfurt das europäische Mobilitätsdrehkreuz schlechthin dar, wirbt die Initiative „JAA zur IAA“. In der Region findet sich auch das gerade erneuerte Opel-Testgelände, das für die vom VDA verlangten Test- und Demonstrationsfahrten genutzt werden könnte.

Wenig automobilen Stallgeruch hat dagegen Hamburg, die Hansestadt reklamiert dennoch den Titel der deutschen Mobilitätsstadt Nummer eins für sich. Im Zusammenhang mit dem Weltkongress für Intelligente Transportsysteme (ITS) im Oktober 2021 hat die Hansestadt rund 100 Mobilitätsprojekte angeschoben, von denen 30 bereits abgearbeitet seien. Es geht um Sharing-Konzepte ebenso wie um autonomes Fahren, um E-Mobilität und Wasserstoff, um digitale Verkehrslösungen wie um selbstfahrende Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr oder die Kommunikation zwischen Ampeln und Autos. „Wir werden ein Reallabor für digitale Mobilität bekommen“, sagt Messechef Bernd Aufderheide.

Bleibt noch fast schon unumgänglich die Hauptstadt Berlin als Austragungsort zwischen heftigen politischen Debatten – und der größten Nähe zum Machtzentrum. Berlins Messe hat aus Sicht von Geschäftsführer Christian Göke Erfahrung, neben der Schau auch ein Forum zu bieten. „Jeder soll sich hier äußern können“, hieß es erst jetzt zur Grünen Woche. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sieht ein weiteres Pfund: die Hochschul- und Forschungslandschaft der Hauptstadt. „Neue Mobilität ist undenkbar ohne Wissenschaft und Forschung“, sagte Müller der dpa. Dass ein Parteitag der in Berlin mitregierenden Grünen die IAA ablehnte, tangiere den Senat nicht. „Der Koalitionspartner ist überzeugt“, versicherte Müller.

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