Nio ES6: Die Chinesen-Offensive rollt

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Und wo Mercedes & Co ein Raumparfüm bieten, hat Nio eine Duftorgel mit gleich fünf Kartuschen montiert. Statt wie so viele gelangweilte Passagiere im chinesischen Dauerstau die Füße unter die Frontscheibe legen zu müssen, kann man sie im Nio bequem auf einem Ottomanen im Fußraum abstellen. Wie sonst nur im Flugzeug in der Business Class oder im Fond mancher Luxuslimousine lässt sich beim Nio der Beifahrersitz elektrisch in eine Liege verwandeln. Und wer dem Nachwuchs auf dem Rücksitz den Schnuller reichen will, der muss sich nicht mühsam verrenken, sondern kann seinen Sitz mit einem Knopfdruck entriegeln und dann so weit nach hinten fahren, bis der Stuhl am Rücksitz anschlägt.

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Der Luxussessel für den Sozius und das erste Tamagotchi der PS-Welt - das mögen Spielereien sein, die in China besser ankommen als in Deutschland und vielleicht nicht über wohl und Wehe des ES6 entscheiden. Doch beim Ladekonzept sieht das etwas anders aus. Denn neben einer konventionellen Schnellladung hat Nio gleich noch zwei einzigartige Szenarien in petto. Wem im Nirgendwo der Saft ausgeht, der ruft den „Charging Van“, der wie eine riesige Powerbank voller Akkus steckt und so überall Starthilfe geben kann.

Wechselstationen für Akkus

Und wer es eilig hat, fährt an eine der mittlerweile knapp zwei Dutzend „Power Stations“, die Nio, ähnlich wie Tesla seine Supercharger, an den wichtigsten Überlandstrecken installiert hat. Dort werden die Batterien nicht geladen, sondern automatisch gewechselt. Das dauert im besten Fall nur drei Minuten und verkürzt den Boxenstopp auf Zeiten, wie man sie nicht einmal vom Benziner kennt, sagt Vizechef Lihong Qin.

Doch bevor jetzt auch Europäer hellhörig werden, rudert er schnell zurück. Denn so ein Netzwerk außerhalb Chinas aufzubauen, hält er für denkbar unwahrscheinlich. Nicht nur wegen der Kosten, sondern vor allem wegen der Genehmigungen. „An den Verwaltungsakt trauen wir uns gar nicht zu denken.“

Technisch auf Augenhöhe mit Audi und Mercedes, im Innenraum sogar schon weiter und dazu noch deutlich günstiger - es ist je nach Perspektive eindrucksvoll oder erschreckend, was Nio in fünf Jahren auf die Beine oder besser auf die Räder gestellt hat.

Doch bei aller Bewunderung hat auch dieses Start-up den Mund ein wenig zu voll genommen. Denn die ehrgeizigen Expansionspläne sind erst einmal auf Eis gelegt. War der Start außerhalb Chinas ursprünglich schon zum Wechsel der Dekade geplant, bittet Mitgründer Qin jetzt um ein bisschen mehr Geduld. Wiederholt hat er neues Geld eingesammelt, um damit den Start in der Heimat zu schaffen. Doch für den Export muss er die Kassen erst wieder füllen. „Dieses Geld müssen wir hier in China verdienen“, sagt Qin und schielt auch deshalb gespannt auf die Verkaufszahlen des ES6, der schon bald den ES8 überflügeln soll.

In fünf Jahren in Europa

Das ist auch nötig. Denn mit dem im ersten Jahr knapp 20.000 Autos ist die Fabrik gerade mal zu einem Fünftel ausgelastet. Doch wenn der Absatz anzieht, dann wird auch der Aktionsradius größer, verspricht Qin und will sich mit E-Tron & Co bald auch im Auswärtsspiel messen: „Vielleicht nicht gleich dieses oder nächstes Jahr, aber spätestens in fünf Jahren sind wir auch in Europa auf dem Markt“.

Einen Artikel über die Vertriebsstrategien von Nio und dem ähnlich aufgestellten Start-up Byton lesen Sie im »kfz-betrieb«-Spezial zur Digitalisierung, das am 19. Juli erscheint.

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