Rechtstipp: Vorsicht bei der „Kurzbewertung“!

Juristische Stolpersteine im Geschäft mit Klassikern – Beispiel 1

| Autor: Steffen Dominsky

Auch Oldtimer sind Gegenstand juristischer Auseinandersetzung. So weit muss es aber nicht kommen, wie Dr. jur Götz Knoop Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verkehrsrecht verrät.
Auch Oldtimer sind Gegenstand juristischer Auseinandersetzung. So weit muss es aber nicht kommen, wie Dr. jur Götz Knoop Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verkehrsrecht verrät. (Bild: Götz Knoop)

Glaubt man den Marktbeobachtungsunternehmen der Young- und Oldtimerszene, dann sind etwa 80 Prozent aller Oldtimergutachten sogenannte Kurzbewertungen. Die gibt’s in der Regel bereits für rund 150 Euro. Verständlich, dass viele Classic-Car-Besitzer da zugreifen. Die meisten Versicherer geben sich mit einem solchen zufrieden. Und Hand aufs Herz: Wer zehntausende Euro für eine Restaurierung ausgegeben hat, der muss zum Schluss, wenn es um die sprichwörtliche Wertschätzung seiner beziehungsweise der Arbeit anderer geht, das Sparen anfangen. 300 Euro zusätzlich für ein „richtiges“ Gutachten sind für viele selbstredend oftmals nicht mehr drin.

„Schauen wir uns einmal aus juristischer Sicht an, ob es wirklich eine gute Idee ist, ein Kurzgutachten erstellen zu lassen und ob der Gutachter damit nicht sogar ein Risiko eingeht. Außerdem möchte ich aufzeigen, was ein Gutachten zu einem juristisch guten und sinnvollen Gutachten macht“, klärt Götz Knoop im Gespräch mit »kfz-betrieb« auf. Knoop ist promovierter Fachanwalt für Verkehrsrecht und „Spezialist im Oldtimerrecht“ der Kanzlei Knoop, Albers & Hanke aus Lippstadt (Anmerkung: Einen expliziten „Fachanwalt für Oldtimerrecht“ gibt es nicht).

Götz Knoop von der Rechtsanwaltskanzlei Knoop, Albers & Hanke vertritt auch die Interessen von Oldtimerbesitzern und im Classic Business agierenden Unternehmen. Von einer „Kurzbewertung“ hält er aus juristischer Sicht nicht viel.
Götz Knoop von der Rechtsanwaltskanzlei Knoop, Albers & Hanke vertritt auch die Interessen von Oldtimerbesitzern und im Classic Business agierenden Unternehmen. Von einer „Kurzbewertung“ hält er aus juristischer Sicht nicht viel. (Bild: Cornelia Walter)

Hinsichtlich der Haftung vertreten viele Gutachter offenbar die Auffassung „Mir kann nichts passieren!“. Wohl aus dieser Situation heraus resultiert der Umstand, dass zahlreiche Gutachter ihrer Tätigkeit ohne Berufshaftpflichtversicherung nachgehen. „Ein Trugschluss!“, mahnt Götz Knoop. Der Auftrag an einen Gutachter ist ein sogenannter Werkvertrag. Die Tätigkeit des Gutachters ist schließlich nicht auf „X Stunden gutachterliche Tätigkeit“ gerichtet, sondern auf das fertige Produkt, nämlich das Gutachten. Das, was der Auftraggeber später in den Händen hält.

Ähnlich wie bei einem Kaufvertrag definiert sich die Frage, ob das Werk – hier also das Gutachten – eventuell mangelhaft ist, im Wesentlichen danach, welcher Aufgabenstellung das Gutachten gerecht werden soll. Kommt der Kunde in einer Ankaufssituation auf den Gutachter zu – er möchte also ein Fahrzeug erwerben –, muss der überprüfen, ob das Fahrzeug den im Zweifel zu erfragenden Wünschen des potenziellen Käufers sowie der vom Verkäufer dargestellten Beschreibung tatsächlich gerecht wird.

Kurzbewertung kann nichts wirklich richtig

In der Verkaufssituation wiederum geht es darum, dass der Gutachter die für den Eigentümer positiven Aspekte des Fahrzeugs herausarbeitet, die negativen Aspekte aber zumindest darstellt, damit der Kunde beim Verkauf des Fahrzeugs nicht in die eigene Haftung gerät. Möchte der Kunde hingegen einen Versicherungsvertrag abschließen, kann der Gutachter nicht ausblenden, dass der Versicherungsvertrag kein Selbstzweck ist. Es geht dem Fahrzeughalter schließlich nicht darum, eine Versicherungspolice gerahmt an die Wand hängen zu können, sondern darum, im Schadensfall abgesichert zu sein.

„Vergegenwärtigt man sich den Untersuchungsumfang einer Kurzbewertung, bei der das Fahrzeug häufig noch nicht einmal auf eine Hebebühne kommt und auch keine Probefahrt unternommen wird, wird deutlich, dass ein Gutachter mit dem Prüfungsumfang einer Kurzbewertung kaum einer Anforderung gerecht werden kann, welche sich aus allen drei Situationen ergibt“, kommt Knoop zum Schluss. „Man könnte etwas platt formulieren: Mit dem Erstellen einer Kurzbewertung gibt der Gutachter in den drei genannten Situationen eines Gutachtenauftrags schon systematisch zu erkennen, dass er das Fahrzeug nicht in ausreichendem Umfang untersucht hat“, so Knoop weiter.

Worauf sollte der Oldiebesitzer den Gutachter hinweisen?

Der Gutachter sollte dem Kunden, so er eine Kurzbewertung wünscht, darlegen, dass er sowohl in der Kauf-, als auch in der Verkaufssituation, den hierfür notwendigen Untersuchungsumfang im Rahmen einer Kurzbewertung nicht leisten kann. Dem verkaufenden Kunden sollte der Gutachter nahebringen, dass der Untersuchungsumfang einer Kurzbewertung nicht ausreicht, um verlässlich die Vorzüge des Fahrzeuges zu ermitteln, gleichzeitig aber die negativen Aspekte so anzugeben, dass der verkaufende Kunde gegenüber dem Erwerber nicht in die Gewährleistungssituation gerät.

Dem Kunden, der „nur“ einen Versicherungsvertrag abschließen will, kann der Gutachter erläutern, dass der Versicherungsvertrag kein Selbstzweck ist, sondern dem Schadenfall vorbeugen soll. Das Worst-Case-Szenario in der Schadenabwicklung ist das entwendete Fahrzeug. Hier ist der Gutachtenkunde, möchte er die Wertigkeit seines Fahrzeugs dokumentieren, alleine auf ein Stück Papier angewiesen. Gerade für diesen Fall ist ein „richtiges“ Gutachten mit entsprechender Dokumentation sehr viel aussagekräftiger als eine Kurzbewertung.

„Der Gutachter ist grundsätzlich gut beraten, wenn er das Vertragsverhältnis mit seinem Kunden schriftlich fixiert. Hierzu sollte der geschuldete Untersuchungsumfang ebenso wie die Berechnungsgrundlage der Vergütung zählen. Gerade dann, wenn der Kunde ausdrücklich nur eine kurze Bewertung in Auftrag geben will, gehört in den Vertrag auch, dass der Gutachter eine lange Begutachtung empfohlen hat, der Kunde aber nur eine Kurzbewertung wünscht. Dazu gehört dann auch darzustellen, welche Untersuchungsmethoden bei der Kurzbewertung ausschließlich angewendet werden“, erklärt Oldtimerspezialist Knoop.

Ein sehr weit verbreiteter Fehler besteht darin, das Vertragsverhältnis mit dem Kunden nicht zu fixieren. In diesem Fall ist gegebenenfalls später unklar, welchen Untersuchungsumfang der Gutachter leisten musste. Problematisch ist auch, sich in dem Gutachten/der Kurzbewertung zu ungeprüften Aussagen hinreißen zu lassen, also beispielsweise der vorschnellen Bewertung, ein Motor sei revidiert oder das Fahrzeug komplett restauriert. Dann, wenn der Gutachter die Motorrevision oder die Restaurierung nicht selbst begleitet hat, kann er dazu aus eigener Kenntnis kaum Aussagen treffen. Er kann also allenfalls darstellen, dass ihm gegenüber die Motorrevision behautet worden sei. Auch dann, wenn er zum Beispiel eine Kompressionsprüfung durchführt hat, kann er anhand dessen kaum Aussagen zur Beschaffenheit treffen. In diesem Fall wäre es besser, die Daten der Kompressionsprüfung wiederzugeben, gegebenenfalls noch die Soll-Werte. Die Interpretation der Werte sollte er dann dem Leser des Gutachtens überlassen.

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