Fahrbericht: BAW 212 Sturkopf mit Stammbaum

Von sp-x 4 min Lesedauer

Ganz China fährt elektrisch oder zumindest elektrisiert, erst recht im SUV. Ganz China? Mitnichten! Der BAW 212 hält eisern am Diesel fest und ist auch sonst von altem Schrot und Korn. Genau wie G-Klasse, Wrangler oder Defender – nur dass er kaum die Hälfte kostet.

Wer den 4,70 Meter langen BAW 212 zum ersten Mal sieht, denkt reflexhaft: Kopie aus China. Doch der erste Eindruck trügt.(Bild:  BAW)
Wer den 4,70 Meter langen BAW 212 zum ersten Mal sieht, denkt reflexhaft: Kopie aus China. Doch der erste Eindruck trügt.
(Bild: BAW)

Vierschrötig steht er da, mit Kulleraugen aus LED-Ringen und kantigen Kotflügeln, einem am Heck angeschlagenem Ersatzrad und einer Silhouette, bei der man sofort an Land Rover Defender, Mercedes G-Klasse, Jeep Wrangler oder Ineos Grenadier denkt. Wer den 4,70 Meter langen BAW 212 zum ersten Mal sieht, tippt reflexhaft: Kopie aus China, wie so oft. Und muss sich vom Importeur Indimo eines Besseren belehren lassen.

Denn der 212er kopiert niemanden. Er geht zurück auf den Beijing Jeep von 1965 und ist damit fast schon ein Oldtimer– seit sechs Jahrzehnten fährt er, mal in Olivgrün, mal in Zivil, durch die Volksrepublik und hat Maos Männer durch dick und dünn gebracht. Während viele chinesische Neuheiten wirken, als kämen sie frisch aus dem Copyshop, bringt der Großhändler aus Landstuhl mit diesem Auto tatsächlich ein Original mit eigenem Stammbaum nach Deutschland. Neben den üblichen SUV, Limousinen, Vans und Nutzfahrzeugen, die das Pfälzer Unternehmen über rund 250 Händler verkauft, ist der Chinese mit Geschichte die Ausnahme im Programm – und trifft offenbar einen Nerv: Wer bestellt, wartet derzeit gut und gern ein halbes Jahr.

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Kein Wunder eigentlich. Was sonst noch als harter Hund im Geländewagen-Segment durchgeht, kostet inzwischen locker sechsstellig und ist seinen Besitzern für Matsch und Modder längst zu schade geworden. Für den BAW dagegen ruft Indimo gerade mal 41.850 Euro auf – kaum die Hälfte. Kompromisse macht er trotzdem kaum.

Von außen sieht man ihm sein Alter durchaus an: Die Stoßfänger wirken wie Eisenbahnschwellen, die Kotflügel haben angesetzte Verbreiterungen, und das Ersatzrad hängt, wo es hingehört, nämlich außen am Heck. Auf windschnittige Formen oder gar auf Lametta für die Lifestyle-Kundschaft wurde hier erkennbar wenig Wert gelegt. Eher auf: Das muss halten.

Einfache Bedienung ohne Menüs

Technisch hält sich der Chinese ans Lehrbuch der harten Geländewagen-Schule: Leiterrahmen, Starrachsen vorn wie hinten, zuschaltbarer Allradantrieb, eine mechanische Geländeuntersetzung, dazu zwei Differenzialsperren. Seilwinde und Suchscheinwerfer gibt's für Deutschland serienmäßig gleich mit, Extras, für die andere Hersteller gerne kräftig aufschlagen.

Während praktisch alles, was derzeit aus China kommt, elektrisch oder zumindest elektrifiziert unterwegs ist, knurrt unter der Haube des gut 2,3 Tonnen schweren 212er ein ganz klassischer Diesel: 2,0 Liter Hubraum, 166 PS, 410 Newtonmeter. Die schickt eine überraschend moderne Achtgang-Automatik erst an die Hinterachse, ehe der Fahrer per Knopfdruck die Vorderachse zuschaltet. Bei 160 km/h ist dann Schluss. Stört hier aber ohnehin niemanden. Erst recht nicht, weil die Lenkung die Richtung eher rudimentär vorgibt und weil die grobstolligen Reifen schon bei deutlich geringeren Geschwindigkeiten jedes Gespräch übertönen.

Bedient wird das Ganze denkbar unkompliziert. Kein Menü, kein Untermenü, kein Digitalgefummel: Der Kippschalter für den Allradantrieb sitzt griffig in der Mittelkonsole, gleich daneben die Knöpfe für Untersetzung und Sperren. Wer schon mal in einem modernen SUV verzweifelt nach der Geländefunktion im Touchscreen gesucht hat, wird diese Ehrlichkeit zu schätzen wissen.

Im Gelände beeindruckt er mit Zahlen, über die andere nur reden: 70 Zentimeter Wattiefe, 25 Zentimeter Bodenfreiheit. Mit den groben Allterrain-Reifen ab Werk kommt der BAW dorthin, wo sich all die leisen, tiefergelegten Lifestyle-SUV aus Fernost niemals hintrauen würden. Und wer im Mini Countryman schon von Abenteuer träumt, sollte sich vor diesem Auto lieber nicht allzu laut darüber auslassen.

Rustikales Fahrgefühl, moderne Technik

Auf der Straße dagegen merkt man ihm seine Abstammung ziemlich deutlich an. Die Lenkung will Kraft, der Wendekreis erinnert an einen kleinen Lkw, und gefedert wird eher robust als komfortabel. Klar, es gibt Autos, die feiner und präziser abgestimmt sind. Nur eben nicht zu diesem Preis und mit dieser Geländekompetenz. Wer ein Auto sucht, das sich noch wie ein Auto anfühlt und nicht wie ein lautloses Raumschiff, wird mit dem altmodischen Fahrgefühl gut leben können.

Drinnen ist der BAW 212 dann überraschend up to date. Vor rund zwei Jahren wurde er komplett überarbeitet, seither gibt's digitale Instrumente, einen Touchscreen mit den wichtigsten Apps, ein halbes Dutzend USB-Buchsen, eine kabellose Ladeschale fürs Handy und sogar klimatisierte Massagesitze. Nostalgiker müssen trotzdem nicht darben: Schalter und Taster gibt es reichlich, ebenso Haltegriffe, die ihren Namen zu Recht tragen und denen man im Zweifel auch mal sein Leben anvertrauen würde.

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Zum Angeben taugt der BAW 212 damit nicht, dafür fehlt ihm das Renommee der etablierten Konkurrenz aus Gaydon, Graz oder Detroit. Muss er aber auch nicht: Er ist kein Spielzeug für Selbstdarsteller, sondern ein Werkzeug für Leute, die tatsächlich in Feld, Wald und Wiese unterwegs sind oder beruflich ins Abseits müssen. Mehr als Defender, Grenadier, Wrangler oder G-Klasse kann er dort wahrscheinlich auch nicht. Er suhlt sich nur mit weniger Scheu im Schlamm – und das zu einem Preis, der selbst eingefleischte Sturköpfe überzeugen dürfte.

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