Wintertest in Finnland: Heiß auf Eis

Viel PS und wenig Grip – da muss der Reifen Schwerstarbeit leisten

| Autor: Jan Rosenow

Moderne Winterreifen bieten auch auf Eis Haftung und Fahrspaß.
Moderne Winterreifen bieten auch auf Eis Haftung und Fahrspaß. (Foto: Michelin)

Bei knapp über 2.000 min-1 schnurrt der Boxermotor ruhig und entspannt wie ein satter Löwe. Er muss sich wahrlich nicht anstrengen, um den schwäbischen Sportwagen hier auf dem Eis eine nordfinnischen Sees voranzutreiben – im Gegenteil. Ein leichter Gasfuß ist die Voraussetzung, um den kurvenreichen Rundkurs, den Michelin in Zusammenarbeit mit Rallyefahrer Armin Schwarz auf dem zugefrorenen Pasasjärvi präpariert hat, ohne ungewollten Richtungswechsel zu durchfahren.

Die schwerste Aufgabe haben nämlich nicht die sechs Kolben des Heckmotors zu verrichten, sondern die vier Pilot Alpin PA4: Im Jahr 2012 eingeführt, ist der Reifen die sportliche Speerspitze im Winterprogramm von Michelin. Für Porsche stellt das Unternehmen sogar eine eigene Profilvariante her, die auf besonderen Wunsch des Kunden mit einem symmetrischen Laufflächendesign auffällt, obwohl UHP-Winterreifen sonst meist asymmetrisch ausgelegt sind. Das feingegliederte Profil mit den vielen Lamellen bietet auf der eisigen Piste eine erstaunliche Haftung. Schön dynamisch lässt sich der allradgetriebene Carrera über die Piste treiben. In der Einstellung „Sport“ sind erstaunliche Querwinkel möglich, bevor das ESP mit leicht schnarrendem Unterton wieder das Kommando zur Geradeausfahrt gibt.

Weil das Tempo stets zweistellig bleibt, hat auch der ungeübte Fahrer genügend Zeit, den Hecktriebler bei kleinen Rutschern abzufangen und wieder auf Kurs zu bringen. Und so fühlt er sich bald wie Armin Schwarz – eine Illusion, die dieser bei einer abschließenden Taxifahrt im Subaru WRX mit Spikereifen nachhaltig zerstört: Mit 380 jeweils sechs Millimeter langen Stahlstiften pro Rad verkrallt sich der Rallyewagen förmlich im Eis und macht Fahrmanöver wie auf Asphalt möglich. Und so zeigt der langjährige Rallye-WM-Pilot, dass zwischen dem Abfangen eines harmlosen Heckschwenks und einem kontrollierten Hochgeschwindigkeitsdrift auf blankem Eis ganze Welten der Fahrzeugbeherrschung liegen.

Performance ist Sicherheit

Doch Raserei war ja gar nicht das Hauptthema des Michelin-Winterreifen-Workshops. „Was für uns Rennfahrer Performance ist, das ist für euch Sicherheit“, dozierte Armin Schwarz und spielte damit den Ball zu den Franzosen, die ihre gesamte Winterreifenpalette mit nach Ivalo gebracht hatten. Neben dem PA4 demonstrierten sie noch den SUV-Spezialisten Latitude Alpin LA2 und den nagelneuen Alpin 5 für die Kompakt- und Mittelklasse.

Letzteren sollten die Teilnehmer ebenfalls auf der von 60 Zentimeter dickem Eis bedeckten Wasserfläche testen, und das, obwohl ihn Michelin eher für mitteleuropäische Winterbedingungen ausgelegt hat – also nasse und trockene Straßen sowie Schneematsch. Doch der Neuling schlug sich achtbar und hielt den Golf auf Kurs, wenn auch das ESP deutlich häufiger eingreifen musste als beim Porsche. Doch bei dieser Kritik muss immer berücksichtigt werden, dass die Fahrübungen auf einem Untergrund stattfanden, auf dem man als Mensch kaum laufen kann.

Um die SUV-Reifen zu testen, scheuchten die Michelin-Leute die teilnehmenden Journalisten auf eine kurze Geländerunde in die verschneiten finnischen Wälder. Obwohl es sich bei Latitude Alpin und Pilot Alpin um reine Straßenprofile handelt, meisterten die damit ausgerüsteten Softroader Ford Kuga und Range Rover Evoque die steilen Anstiege im Tiefschnee erstaunlich kompetent.

Spikereifen statt Stabilitätsprogramm

Ein besonderes Bonbon hatten sich die Veranstalter für den späten Nachmittag aufgehoben, als sich die Dunkelheit bereits über das verschneite Land legte. Subarus, die mit Spikereifen ausgestattet waren, wie sie auf der Rallye Monte Carlo gefahren werden, standen für einige herzhafte Runden auf dem Eissee bereit. Elektronische Fahrhilfen? Fehlanzeige. Doch die nur gut einen Millimeter aus dem Gummi ragenden Kurzspikes steigerten den Grip auf ein erstaunliches Maß, und der starke und spontan ansprechende Turbo-Boxer half bei der Bestimmung der Fahrtrichtung effektiv mit.

Trotz dieser guten Voraussetzungen zeigte sich, wie schnell selbst routinierte Fahrer unter solchen Bedingungen die Gewalt über ihr Auto verlieren können. Und über sich selbst: Denn sicher hatten auch der grandiose Fahrspaß und die fehlende Kollisionsgefahr auf der weiten Eisfläche ihren Anteil daran, dass es der eine oder andere etwas übertrieb. Was mit ESP nur in einem kleinen Schlenker geendet hätte, führte ohne Sicherheitsnetz zu einer mehr oder weniger anmutigen Pirouette samt folgendem Schneewalzer, wenn der Abschlepp-Touareg den Bruchpiloten aus der Wehe zog.

Die Moral: Auf Eis sind Spikereifen eine ganz vorzügliche Sache, aber daheim in Deutschland sind sie leider verboten. Doch Top-Winterreifen in Zusammenarbeit mit modernen Sicherheitssystemen sorgen trotzdem dafür, dass die Winterreise nicht zur Rutschpartie wird.

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