Abgas-Affäre: Inhaftierter Manager belastet Audi-Vorstand schwer

Medien liegt 28-seitiges Papier vor

| Autor: Christoph Seyerlein

Audi-Chef Rupert Stadler gerät erneut schwer unter Beschuss.
Audi-Chef Rupert Stadler gerät erneut schwer unter Beschuss. (Bild: Audi)

Der wegen angeblicher Verwicklung in die Abgas-Affäre in München-Stadelheim inhaftierte Ex-Audi-Motorenentwickler Giovanni P. hat zahlreiche Top-Manager des Ingolstädter Autobauers schwer belastet. Der 60-Jährige hat der Staatsanwaltschaft München II ein 28-seitiges Papier vorgelegt, das auch einem Rechercheverbund bestehend aus „Süddeutscher Zeitung“ (SZ), „NDR“ und „WDR“ vorliegt. Darin schildert der ehemalige Manager den Medien zufolge 44 Vorgänge rund um die Abgas-Affäre, die sich zwischen dem 8. März 2006 und dem 10. Juli 2014 bei Audi zugetragen haben sollen. Konkret geht es um Mails, Sitzungen und Vorträge.

Wie die „SZ“ schreibt, müssen zahlreiche Audi-Mitarbeiter bis hin zum Top-Management um den Chef des Autobauers Rupert Stadler und den früheren Konzernlenker Martin Winterkorn frühzeitig von den Abgas-Problemen des Herstellers gewusst haben, sollte die Zeittafel zutreffen.

Durch sein Vorgehen will Giovanni P. beweisen, dass er nur Teil eines Systems und nicht der Hauptverantwortliche für den Skandal sei. So schreibt er beispielsweise, dass bereits am 9. Oktober 2006 ein leitender Motorenentwickler mehrere Führungskräfte, darunter den damaligen Audi- und späteren VW-Chef Martin Winterkorn, über das Grundproblem mit der Adblue-Dosierung bei Dieseln unterrichtet habe. Schon damals war es dem Vorstand demnach bewusst, dass die verbauten Adblue-Tanks zu klein waren, um in Europa und den USA die Abgas-Grenzwerte einzuhalten.

Die größte Sorge des Managements war es laut Giovanni P. aber, dass man den Kunden nicht zumuten könne, häufig Adblue nachfüllen zu müssen. So soll von zwei Topmanagern aus dem VW-Konzern, die namentlich nicht genannt werden, die Ansage gekommen sein, dass bei Dieseln auf keinen Fall die Adblue-Warnlampe aufleuchten dürfe. „Dies wäre eine Katastrophe für die Clean-Diesel-Strategie in den USA“, zitiert die SZ.

Infolgedessen entschieden sich Audi-Techniker den Angaben zufolge dazu, mithilfe einer illegalen Prüfstandserkennung die Abgas-Messungen auszutricksen. Dadurch hielten die betroffenen Diesel die für eine Zulassung maßgeblichen Werte auf dem Prüfstand ein. Im realen Betrieb, der bei den Messverfahren zu dieser Zeit noch keine Rolle spielte, schaltete die Software die Abgasreinigung aber weitgehend ab. So verhinderte der Hersteller, dass Kunden häufig die Adblue-Tanks nachfüllen mussten.

Wer wusste was?

Konkret von den unerlaubten „Defeat Devices“ soll laut Giovanni P. der ehemalige Audi-Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch gewusst haben. Ihm habe am 11. Oktober 2013 eine schriftliche „Risikoeinschätzung“ mit Hinweis auf die Gesetzesverstöße in den USA vorgelegen. Knirsch, der damals noch Chefmotorenentwickler war und erst später in den Audi-Vorstand aufrückte, habe aber darauf verzichtet, die Behörden darüber zu informieren.

Doch nicht nur Knirsch soll in die Affäre verwickelt gewesen sein. Zwar äußert sich Giovanni P. zu Audi-Chef Rupert Stadler offenbar weniger konkret, in Arbeitskreisen sei der CEO aber mehrfach über das Adblue-Problem informiert worden, beispielsweise am 1. April 2010 und am 11. Juni 2012. Ob Stadler auch frühzeitig von der illegalen Abschalteinrichtung gewusst hat, geht aus dem Papier offenbar nicht hervor. Stadler selbst und auch Martin Winterkorn haben bislang stets betont, von den Manipulationen nichts gewusst zu haben.

Offzielle Ermittlungen gegen aktuelle oder frühere Audi-Manager gibt es bislang noch nicht. Laut der SZ prüfe die Staatsanwaltschaft München II die Angaben, zudem seien die Vernehmungen des Inhaftierten noch nicht abgeschlossen. Zumindest läuft gegen namentlich nicht genannte Vorstandsmitglieder aber bereits ein Bußgeldverfahren wegen möglicher Verletzung der Aufsichtspflicht. Der Volkswagen-Konzern wollte sich laut „SZ“, „NDR“ und „WDR“ nicht näher zu den Vorwürfen von Giovanni P. äußern.

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