Einstündige Wutrede: Ghosn sah sich als „Geisel“ Japans

Autor / Redakteur: dpa / Christoph Seyerlein

Bei seiner mit Spannung erwarteten Pressekonferenz nach seiner Flucht erhob Carlos Ghosn schwere Vorwürfe gegen die japanischen Behörden. Er wittert eine Verschwörung. Zu einem Thema schwieg er allerdings.

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Carlos Ghosn bezeichnete seine Flucht als schwerste Entscheidung seines Lebens.
Carlos Ghosn bezeichnete seine Flucht als schwerste Entscheidung seines Lebens.
(Bild: Renault)

Der Mann, der über Jahre zu den Mächtigsten der internationalen Autowelt zählte, sieht angespannt aus. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen, er ringt sich ein gequältes Lächeln ab, als er jemandem zunickt. Carlos Ghosn atmet einmal tief durch, bevor er zu seiner vorgefertigten Verteidigung ansetzt.

Als er dann aber beginnt, ist der Ex-Automanager kaum zu stoppen. Mehr als zwei Stunden dauert am Mittwoch sein Auftritt vor Journalisten in Libanons Hauptstadt Beirut. Inklusive einer rund einstündigen Brandrede gegen Japans Justiz, in der er alle Vorwürfe gegen sich zurückweist und seine spektakuläre Flucht in den Libanon verteidigt. Ein Monolog, in dem er sich in Rage redet.

Es ist das erste Mal, dass Ghosn öffentlich auftritt, seit er in einer Nacht-und Nebel-Aktion aus Japan nach Beirut und damit auch der japanischen Justiz entkommen ist. Der Auftritt wirkt wie die Rede eines Mannes, der sich befreit fühlt. Und der seinen zerstörten Ruf retten will. Aus vielen Sätzen ist herauszulesen, wie tief die Anklage und die Haft den heute 65-Jährigen mitgenommen haben.

Der frühere Vorstandschef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi war am 19. November 2018 in Tokio wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Im April 2019 wurde er unter strengen Auflagen auf Kaution aus der Untersuchungshaft in Japan entlassen. Ghosn soll in einer Kiste versteckt aus Japan in den Libanon geflohen sein. Zu der Flucht Ende Dezember mit einem Privatjet hätten ihm zwei Amerikaner geholfen, berichteten japanische Medien.

In Beirut aber will Ghosn zu diesem Punkt trotz seines langen Auftritts nichts preisgeben. Aus Sorge um die Menschen, die ihm geholfen hätte, wie er vor den Journalisten sagt.

„Die Vorwürfe gegen mich haben keine Grundlage“

Ausgiebig weist Ghosn, der die französische, brasilianische und libanesische Staatsangehörigkeit hat, dafür erneut alle Anschuldigungen zurück. „Die Vorwürfe gegen mich haben keine Grundlage“, wettert er und stellt seine Flucht als alternativlos dar: Er habe keine Anzeichen gesehen, dass sich sein Leben in den nächsten Jahren wieder normalisieren werde. Er sei als „Geisel“ eines Landes gehalten worden, dem er über Jahre gedient habe.

Das Verfahren gegen sich stellt er als politisch motiviert dar, um eine engere Anbindung von Nissan an Renault zu verhindern, ein „Verschwörung“ des japanischen Konzerns mit dem dortigen Generalstaatsanwalt. „Ich wollte Gerechtigkeit, deswegen habe ich Japan verlassen“, beteuert Ghosn. Zu seiner Flucht sagte er, ihm sei keine andere Wahl geblieben: „Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens.“ In keinem anderen demokratischen Land der Welt käme man wegen derartiger Vorwürfe ins Gefängnis.

Er verleiht seinen Worten immer wieder mit den Händen Nachdruck. Er streckt die Arme nach vorne, zur Seite, nach oben. Er macht das Gesicht eines Unschuldigen. Als stände er hier vor Gericht.

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