Hintergrund: Architekt des Seat-Erfolgs verlässt den Autobauer

Autor Andreas Grimm

Luca de Meo ist nicht mehr Seat-Chef. Mit einer recht knappen Stellungnahme verkündete der Autobauer am Dienstagabend die Entwicklung mit möglicherweise weitreichenden Konsequenzen. De Meo hatte Seat stabilisiert, modernisiert und aus der Verlustzone geführt.

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Luca de Meo hat seinen Posten als Vorstandschef von Seat auf eigenen Wunsch aufgegeben.
Luca de Meo hat seinen Posten als Vorstandschef von Seat auf eigenen Wunsch aufgegeben.
(Bild: Seat)

Für Seat beginnt das Jahr 2020 mit einem Paukenschlag: Der seit Herbst 2015 amtierende Vorstandschef Luca de Meo hat die Führung des Autobauers mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Manager werde aber bis auf Weiteres im Konzern verbleiben, hieß es am Dienstagabend aus der Seat-Zentrale. Kommissarisch wird Finanzvorstand Carsten Isensee den spanischen Autobauer in Personalunion führen.

Zu den Hintergründen äußerte sich der Autobauer nicht. Der Rücktritt sei auf de Meos „eigenen Wunsch“ und „einvernehmlich mit dem Volkswagenkonzern“ erfolgt. Der Italiener hatte insgesamt zehn Jahre für die Wolfsburger gearbeitet, zunächst für VW Pkw, dann als Vertriebsvorstand von Audi und seit dem 1. November 2015 als Seat-Vorstandsvorsitzender.

In der Autobranche wird seit einigen Monaten spekuliert, de Meo könnte bei einem anderen Autokonzern nach ganz oben aufsteigen. Die französische Zeitung „Les Echos“ etwa hatte Mitte November berichtet, der Seat-Chef sei auf der Pole Position für die Nachfolge von Thierry Boloré als Renault-Chef. Gehandelt wurden dafür allerdings auch Faurecia-Chef Patrick Koller und der Toyota-Manager Didier Leroy. Aktuell berichtet das „Handelsblatt“, dass de Meo „sehr wahrscheinlich“ in wenigen Wochen zum Renault-Konzern wechseln wird.

Angesichts der Historie des Managers, der seine Karriere just bei Renault startete, ist der Schritt nicht unwahrscheinlich. Allerdings war der heute 52-Jährige bereits für viele Automarken tätig, darunter auch für Alfa, Lancia und Fiat. Angesichts der Fusionsentscheidung von FCA und PSA wäre auch eine führende Rolle im neu entstehenden Großkonzern nicht ausgeschlossen. An Sprachbarrieren würden beide Jobs wohl nicht scheitern, de Meo spricht inzwischen Italienisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch.

Insider: De Meo wollte Audi-Chef werden

Dass de Meo jetzt den Volkswagenkonzern verlässt, liegt möglicherweise an einer anderen Personal-Entscheidung. Unter Berufung auf einen Insider berichtet das „Handelsblatt“, de Meo habe Interesse am Chefposten bei Audi besessen, für den Konzernchef Herbert Diess jedoch den ehemaligen BMW-Einkaufsvorstand Markus Duesmann favorisiert und durchgesetzt hat. Immerhin war de Meo drei Jahre lang Vertriebschef des inzwischen kriselnden Ingolstädter Premium-Autobauers.

Insofern wäre der Italiener keine schlechte Wahl für Audi gewesen: Unter de Meo schaffte Seat endgültig den Aufstieg vom Sanierungsfall im Volkswagenkonzern hin zum Impulsgeber in Mobilitätsfragen. Die Trendwende war zwar bereits eingeleitet, als de Meo in Barcelona das Steuer übernahm, unter anderem steigt der Absatz bereits seit 2012 kontinuierlich, doch die Rückkehr in die Gewinnzone im Jahr 2017 nach heftigen Verlustjahren und die Positionierung der Marke als jung, hipp und sportlich fallen in de Meos Amtszeit. Auch das steile Verkaufsplus der letzten drei Jahre kann der Manager für sich reklamieren.

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De Meo gilt als zugänglicher und weltoffener Automanager ohne Denkverbote. In einem „Zeit“-Interview im Herbst 2019 bezeichnete er etwa die strengen CO2-Grenzwerte der EU als richtige Idee, die zugleich „einen darwinschen Ausleseprozess in der Branche“ in Gang setze. Im gleichen Interview erläuterte er seine langfristige Strategie, auf junge Kunden zuzugehen und den Wandel in der Mobilität mitzugestalten – mit Mobilitätsangeboten, den dafür geeigneten Fahrzeugen und der technologischen Software-Plattform.

Produktseitig stellte Seat vor einem Jahr als „Zukunft urbaner Mobilität“ den Minimo vor – ein Mikromobil, das dem Renault Twizy sehr ähnlich ist. Im November 2019 präsentierte de Meo als „nächsten Schritt der E-Revolution“ dann den Elektroroller Seat EXS, der in diesem Jahr auf den Markt kommen soll. Das alles kommt nicht von ungefähr: De Meo hat Seat innerhalb des Konzerns zum Kompetenzzentrum für innerstädtische Mobilitätskonzepte – und damit den spanischen Autobauer zukunftsfähig gemacht.

Aber auch im klassischen Automobilgeschäft setzte de Meo nachhaltig Akzente, brachte erst das SUV-Trio schneller in den Markt als zunächst gedacht und forcierte zuletzt die Elektromobilität, indem er ohne Scheu ins Technologie-Regal der Konzernmutter griff. Zugleich sorgte er mit der Submarke Cupra für Aufmerksamkeit unter PS-affinen Kunden.

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