Durchstarten 2021 „Keine Rede von Pessimismus“

Autor / Redakteur: Wolfgang Michel / Viktoria Hahn

Für Frank Beaujean hat die Coronakrise die Branche an vielen Punkten enger zusammengeschweißt. Wichtigstes Ziel für den ASA-Präsidenten im Jahr 2021 ist, die Zukunft des freien Servicemarkts in Europa abzusichern.

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Frank Beaujean, ASA-Präsident.
Frank Beaujean, ASA-Präsident.
(Bild: ASA)

Redaktion: Wie würden Sie das allgemeine Stimmungsbild in Ihrer Organisation beschreiben?

Frank Beaujean: Das Stimmungsbild bei unseren Mitgliedern ist sicher verhalten. Allerdings kann von Pessimismus keine Rede sein. Unsere Mitglieder sind als Lieferanten unter anderem für die Werkstattbetriebe, die als systemrelevant eingestuft wurden, bislang einigermaßen glimpflich durch die Krise gekommen. Genaueres werden wir erst nach Auswertung der zweiten Corona-Mitgliederumfrage sagen können. Natürlich ruhen die Hoffnungen darauf, dass die Corona-Pandemie im Jahr 2021 erfolgreich bekämpft wird. Wenn wir im dritten und vierten Quartal 2021 wieder in den „Normalmodus“ kommen und mit Start 2022 wieder an den positiven Jahresstart 2020 anknüpfen, wäre das ein großer Erfolg.

Welche Weichen müssen jetzt gestellt werden, damit die Schatten der Krise endgültig abgeschüttelt werden?

Ich denke, unser Verband hat die Krise recht erfolgreich gemeistert. Wir haben uns sehr schnell im März auf das virale, digitale Arbeiten eingestellt. Wir haben uns hierüber neue eigene Strukturen geschaffen, die auch über die Pandemie hinaus fortleben dürften. Das Verbandsleben war trotz – oder sollte ich besser sagen, wegen – Corona sehr lebhaft und aktiv. Unsere Gremien waren zu jeder Zeit voll arbeitsfähig, und wir haben wichtige Sachthemen weiter vorangetrieben. Das gilt sowohl für den Verband in Deutschland als auch für die europäische Dachorganisation EGEA. Selbstverständlich haben wir unsere „Familienfeste“, die Jahresmitgliederversammlung, die Automechanika und der ASA-Abend, schmerzlich vermisst. Aber auch hier standen und stehen wir mit den verantwortlichen Partnern in engem Austausch und sind jederzeit über aktuelle Entwicklungen informiert. Ich denke, viele unsere Mitglieder nutzen wie wir die Zeit, um Strukturen anzupassen und Prozesse zu optimieren, um 2021 wieder voll durchstarten zu können.

Welche Probleme/Herausforderungen traten/treten in Ihrer Organisation/Ihrer Branche während der Covid-19-Krise auf?

Die Krise hat sicher gezeigt, dass wir auch in einer digitalisierten Welt nicht ohne Präsenzveranstaltungen auskommen. Wie schon erwähnt hat uns der Ausfall der Automechanika, unserer Jahresmitgliederversammlung, aber auch die Absage oder Verschiebung nahezu aller Automechanika-Auslandsmesseveranstaltungen als Verband stark getroffen. Dies zum einen wegen des fehlenden persönlichen Austauschs mit unseren Mitgliedern. Zum anderen bieten Messen im In- und Ausland für uns als Verband immer auch die Chance, mit potenziellen neuen Mitgliedern ins Gespräch zu kommen. Diese Art der Mitgliederpflege und -gewinnung fiel in diesem Jahr komplett aus, was ich sehr bedauere. Positiver Effekt dieser Entwicklung ist, dass der Wunsch vieler Mitglieder, ihre Produktneuheiten wieder auf Präsenzmessen zu präsentieren, sehr ausgeprägt ist. Ich denke, das sollte auch unserem langjährigen, engen Partner, der Messe Frankfurt, Auftrieb geben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort haben wirklich ein hartes Jahr voller Rückschläge und unzähliger Veranstaltungsabsagen hinter sich. Davon haben sie sich nicht unterkriegen lassen und einen sehr engagierten Job mit zahlreichen neuen digitalen Formaten gemacht. Davor habe ich den größten Respekt.

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Zur Person
Frank Beaujean (54)
  • Seit 2016: Präsident des Bundesverbands der Hersteller und Importeure für Automobil-Serviceausrüstungen (ASA) e. V. Seit 2018 ist er zudem Vizepräsident des Europäischen Verbands der Werkstattausrüstungshersteller EGEA (European Garage Equipment Association).
  • In seiner Funktion als Geschäftsführer der Asanetwork GmbH entwickelt er den Industriestandard Asanetwork zur markenübergreifenden Vernetzung und Kommunikation von Werkstattausrüstungsgeräten weiter und forciert erfolgreich dessen Verbreitung in Deutschland und Europa.
  • In den letzten drei Jahrzehnten arbeitete er in leitenden Positionen für verschiedene Hersteller von Werkstattausrüstungen, unter anderem Beissbarth, Snap-on und Maha. Neben seiner beruflichen Tätigkeit leistet Frank Beaujean seit über 15 Jahren aktive Lobbyarbeit für die Werkstattausrüstungsbranche auf nationaler und europäischer Ebene.
  • Frank Beaujean ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte Elektrotechnik an der Fachhochschule Regensburg und Informatik an der Universität Passau.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Jahr 2020 verändert? Gibt es positive Aspekte, die Sie für Ihren Arbeitsalltag aus der Covid-19-Krise mitnehmen?

Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht; das trifft es wohl am besten. Der Umgang mit digitalen Kommunikationswegen ist vielen im Verband in Fleisch und Blut übergegangen. Und wir haben durch Anpassungen und Strukturveränderungen gelernt, dass in der digitalen Welt gemeinsame Projekte und Ideen sehr effizient und agil vorangetrieben werden können, wenn alle Beteiligten die nötige Flexibilität und Disziplin aufbringen. Diese Art der Zusammenarbeit wird in künftigen Projekten ein fester Bestandteil sein. Das bedeutet keine Ausschließlichkeit digitaler Formate. Die Kombination aus digitalen und Präsenzveranstaltungen kann einen erheblichen Beitrag zur Effizienzsteigerung bei immer komplexeren Themen leisten. Darum bin ich davon überzeugt, dass uns diese Form der Zusammenarbeit dauerhaft erhalten bleibt.

Werden wir wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren, oder werden sich Prozesse/Abläufe/Strategien künftig dauerhaft ändern?

Wie eben schon gesagt: Die Kombination aus beiden Welten, digital auf der einen, persönlicher Austausch auf der anderen Seite, ist aus unserer Sicht das neue Normal. Projekte schnell, zielgerichtet und eng geführt digital voranzutreiben, dürfte künftig noch mehr als in der Vergangenheit der Normalfall sein. Das schafft Spielräume, weil der Einzelne nicht mehr so stark durch Reisezeiten gebunden ist. Zugleich zeigt schon die Krise, dass die Wertschätzung für persönliche Treffen deutlich gestiegen ist. Diese werden künftig sicher noch mehr zum intensiven persönlichen Austausch und Beziehungsmanagement genutzt werden.

Was haben Sie aus der Krisensituation gelernt? Fühlen Sie sich für die Zukunft gewappnet?

Irgendwie geht es immer weiter. Die Krise war für unsere Branche bislang beherrschbar. Beherrschbar auch, weil unsere weitgehend mittelständisch geprägten Mitglieder krisenerprobt sind. Die Lehre ist sicher auch, dass wie bei jeder Krise derjenige die besten Chancen hat, der am schnellsten in der Lage ist, sich auf die Veränderungen einzustellen. Diese Disziplin beherrschen viele unserer Mitglieder sicher sehr gut.

Wen würden Sie in dieser turbulenten Zeit als Vorbild Ihrer Branche sehen?

Wirklich sehr gute Arbeit in dieser turbulenten Zeit hat aus meiner Sicht der europäische Dachverband der Werkstattausrüster EGEA (European Garage Equipment Association) geleistet. Hier arbeiten elf Nationen zusammen. Mit dem Jahreswechsel 2019/2020 wurden interne strukturelle Veränderungen beschlossen, die auch ein gewisses Risiko des Scheiterns in sich trugen. Aber der Verband unter der Leitung von Jordi Brunet hat sich sehr schnell freigeschwommen und alle gesetzgeberischen Prozesse in Brüssel perfekt begleitet. Wenn man weiß, wie hoch der Anteil der europäischen Gesetzgebung ist, der beispielsweise auch die deutschen Normen für die Fahrzeugprüfung oder technische Inspektionen beeinflusst, kann man die Arbeit der EGEA nicht hoch genug bewerten. Dies umso mehr, wenn man sich verdeutlicht, dass die Gremienarbeit in den technischen Working Groups ausschließlich von ehrenamtlichen Vertretern aus den nationalen Verbänden geleistet wird. Dass diese im letzten Jahr in Zusammenarbeit mit dem EGEA-Secretary Jordi Brunet eine derart hohe Schlagzahl bei der aktiven Lobbyarbeit erzeugen konnten, ist wirklich erstaunlich.

Welches Unternehmen/welche Organisation/welche Person aus Ihrer Branche hat sich während der Krise besonders hervorgetan?

Ohne hier einzelne Unternehmen unseres Verbands herausheben zu wollen, fand ich es insgesamt beachtlich, wie schnell viele Unternehmen die Corona-Sicherheitsmaßnahmen für ihre Mitarbeiter in den Betrieben umgesetzt haben und wie relativ problemlos Produktionsquantität und -qualität auf einem sehr hohen Niveau beibehalten werden konnten.

Wie sehen Sie aktuell den Personalbedarf, die Lage am Arbeitsmarkt und die Situation der Fachkräfte?

Der Bedarf an Fachkräften ist ungeachtet der Corona-Pandemie weiterhin sehr hoch. Daran wird sich nach meiner Überzeugung auch wenig ändern. Dort, wo innovative Fähigkeiten gefragt sind, sind Fachkräfte immer willkommen und entsprechend gesucht. Ich kann mir vorstellen, dass sich der Fachkräftebedarf nach der Pandemie weiter verschärfen wird.

Welche persönlichen Worte möchten Sie Kolleg*innen in Ihrer Branche/Ihrer Organisation/Ihrem Unternehmen mit auf den Weg geben?

Ich denke, wie alle in der Branche, auch gerade die Kolleginnen und Kollegen in den Verbänden bei GVA, ZDK, ZKF, BRV und anderen, haben auch wir im ASA-Verband bewiesen, dass man mit beherztem, technikoffenem Handeln Krisen meistern kann, ohne die Ziele für die Mitglieder aus den Augen zu verlieren. Diese Fähigkeit müssen wir uns unbedingt erhalten und bei bestimmten Themen auch noch enger zusammenrücken. Denn im Vergleich zur Corona-Pandemie ist ein technisches Thema weitaus bedrohlicher für die Existenz des gesamten Independent Aftermarket (IAM): Unseren Verbandsmitgliedern im ASA-Verband droht, wie allen anderen Vertretern des IAM, der komplette Ausschluss von den Datenströmen aus aktuellen und künftigen Automobilen. Setzen sich Partikularinteressen bei diesem Thema durch, ist der gesamte freie Reparatur- und Ersatzteilmarkt in den kommenden fünf bis zehn Jahren dem Untergang geweiht. Als Ingenieur kann ich Ihnen sagen, das ist keine Schwarzmalerei, sondern logische Konsequenz der sich aktuell abzeichnenden Entwicklungen und Bestrebungen einzelner. Darum müssen wir Verbände alles daransetzen, unsere Mitglieder auf Dauer im Spiel, genauer gesagt im Markt, zu halten. Das sehe ich als vordringliche Aufgabe für das Jahr 2021!

Ergänzendes zum Thema
Durchstarten 2021
Gemeinsam aus der Krise

In dieser Interviewreihe geben unsere Leser*innen Einblicke in die Herausforderungen und Chancen der Corona-Pandemie. Sie verraten, was sie aus dem Krisenjahr 2020 gelernt haben. Sämtliche Interviews finden Sie unter www.kfz-betrieb.de/durchstarten.

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Über den Autor

 Wolfgang Michel

Wolfgang Michel

Chefredakteur »kfz-betrieb«