Nicht nur Adel verpflichtet. Auch Namen, wie zum Beispiel „Benz“, bringen gewisse Aufgaben und Funktionen mit sich. Anlässlich des 140-jährigen Jubiläum von Mercedes-Benz sprach der Versicherer OCC mit der Jutta Benz.
Pünktlich zum 140. Jubiläum der Erfindung des Automobils durch ihren Urgroßvater Carl Benz im Jahr 1886 sprach OCC mit der 84-jährigen Jutta Benz.
(Bild: Mercedes-Benz)
Fragen Sie Jutta Benz lieber nicht nach dem neuesten Elektro-Modell. Die Urenkelin des Automobil-Erfinders Carl Benz schaut lieber in den Rückspiegel – und das mit einer Klarheit und Herzlichkeit, die ansteckt. Seit 25 Jahren repräsentiert sie als Markenbotschafterin die Klassiksparte der Marke mit dem Stern, doch im Kern ist sie die Hüterin der privaten Benz-Geschichte geblieben. Pünktlich zum 140. Jubiläum der Erfindung des Automobils durch ihren Urgroßvater Carl Benz im Jahr 1886 hat der Versicherer OCC mit der 84-jährigen Mannheimerin über kuriose Momente mit ihrem Nachnamen, heimliche Kartenspiele in der Werkstatt und das unsichtbare Band zu ihren berühmten Ahnen gesprochen.
OCC-Magazin: Frau Benz, wenn man mit diesem berühmten Nachnamen aufwächst: War das in Ihrer Kindheit in Mannheim eher ein Privileg oder eine Last?
Jutta Benz: Nein, wir müssen da zurück in die Nachkriegszeit gehen. Ich bin 1942 geboren, unsere Familie hat genauso unter dem Krieg gelitten wie alle anderen auch. In Ladenburg, wo ich aufgewachsen bin, war man immer beobachtet. In der Schule hat mir der Name keine Privilegien gebracht – im Gegenteil! Von boshaften Lehrern gab es manchmal Häme, wenn ich in Mathematik nicht so reagierte, wie man das von einer Benz-Urenkelin wohl erwartete.
Ihr Vater war Ingenieur, Ihr Onkel leitete das Büro. War Ihr Vater damals schon so etwas wie ein Markenbotschafter, wie Sie es heute sind?
Vom Inhalt her ja, aber die Tradition war damals nicht so wichtig. Damals zählten die neuen Modelle und die Rennen. Mein Vater war am Ende fast ein bisschen desillusioniert, weil man den Namen Benz oft ‚abgehängt‘ hat. In Mannheim waren wir immer ‚Benzler‘, in Stuttgart saßen die ‚Daimler‘. Die Stuttgarter wurden oft mehr geachtet, wenn es um Ressourcen ging. In Mannheim wurden die großen Motoren und Busse gebaut, aber die Limousinen, mit denen man glänzen konnte, entstanden in Stuttgart.
Ein Familienbild aus dem Jahr 1883: Bertha Benz mit ihren Kindern Thilde, Clara, Eugen und Richard (von links). Eugen war der Großvater von Jutta Benz.
(Bild: Mercedes-Benz)
Vom Patent zum Weltkonzern: Carl und Bertha Benz
Den Grundstein für den heutigen Weltkonzern legte der in Mühlburg geborene Ingenieur Carl Benz (1844–1929) am 29. Januar 1886 mit der Patentanmeldung für seinen „Motorwagen Nummer 1“. Nach seinem Studium am Polytechnikum Karlsruhe und der Gründung seiner Werkstatt in Mannheim lebte er mit seiner Frau Bertha (1849–1944) und den fünf gemeinsamen Kindern in Ladenburg. Einer ihrer Söhne, Eugen Benz, war der Großvater von Jutta Benz. Den praktischen Beweis für die Alltagstauglichkeit der Erfindung ihres Mannes Carl erbrachte Bertha Benz bereits im Jahr 1888 mit der ersten Fernfahrt der Geschichte über 106 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim. Die heutige Mercedes-Benz Group AG beschäftigt aktuell rund 164.000 Mitarbeiter weltweit und erwirtschaftete im Jahr 2025 einen Jahresumsatz von ca. 132,2 Milliarden Euro. Im letzten Jahr liefert das Stuttgarter Unternehmen rund 2,16 Millionen Pkw und Vans der Marke Mercedes-Benz aus.
(Bild: Mercedes-Benz)
„Die Fee flattert an!“ – Heimliches Kartenspiel in der Fabrik
Gibt es eine Anekdote über Ihren Urgroßvater Carl, die in keinem Geschichtsbuch steht, aber in Ihrer Familie immer erzählt wurde?
Oh ja, da gibt es eine nette Geschichte übers Kartenspielen. Mein Urgroßvater hat mit seinen Söhnen Eugen und Richard unheimlich gern um Geld gespielt. Meine Urgroßmutter Bertha fand das aber unmoralisch. Also sind die Männer zum Spielen immer heimlich in ein Büro in der Fabrik gegangen. Damit sie nicht erwischt wurden, haben die „Hausgeister“ – das Personal – Schmiere gestanden. Wenn Bertha im Anmarsch war, kam der Anruf in die Werkstatt: „Die Fee flattert an!“. Das war der Deckname für meine Urgroßmutter. Sobald das Codewort fiel, ließen die Männer die Karten verschwinden und breiteten schnell Konstruktionspläne auf dem Tisch aus, damit es so aussah, als würden sie fleißig arbeiten.
Von Topolinos und dem Kaiser von China
Können Sie sich noch an das erste Auto erinnern, in dem Sie als Kind mitgefahren sind?
Ja, das war ein zusammengebauter Fiat Topolino aus allen möglichen Ersatzteilen, den mein Vater selbst konstruiert hatte. Wir hatten ja nach dem Krieg keine Autos mehr. Später hatte mein Großvater wieder einen Mercedes, aber es gab ja kaum Benzin. Meine Kindheit habe ich auf dem riesigen Fabrikgelände verbracht, wo wir unheimlich viel Blödsinn machen konnten
Jutta Benz auf dem Motorwagen ihres Urgroßvater Carl Benz (1844-1929), der ihn vor 140 Jahren erfand und damit den Grundstein für den Automobilbau und den späteren Weltkonzern Mercedes-Benz legte.
(Bild: Mercedes-Benz)
Sie haben lange als Lehrerin gearbeitet. Wussten Ihre Schüler eigentlich, wer da vor ihnen steht?
Das hat sich natürlich herumgesprochen. In Mannheim war ich einfach eine Lehrerin, fertig Schluss. Aber es gab putzige Momente. Einmal kam nach der Stunde ein pfiffiger Schüler zu mir ans Pult: ‚Haben Sie was mit dem Carl Benz zu tun, mit dem Auto-Erfinder?‘. Als ich das bejahte („Das war mein Urgroßvater.“), stutzte er. Und meinte dann trocken: „Und mein Urgroßvater war der Kaiser von China.
„Die nervige Frage: Was für ein Auto fahren Sie denn?“
Sie sind seit 25 Jahren Markenbotschafterin. Was ist die häufigste Frage, die man Ihnen stellt?
Ganz klar: ‚Was für ein Auto fahren Sie denn?‘. Ich antworte dann immer ehrlich: Ich habe gar kein eigenes Auto. Das Auto, das ich fahre, gehört der Firma Mercedes-Benz und wird mir für meine Arbeit zur Verfügung gestellt.
Wurden Sie eigentlich jemals von der Polizei angehalten und die Beamten haben beim Blick auf den Führerschein ungläubig gestaunt?
Einmal in den 80ern! Ich hatte keine Autopapiere dabei und der junge Polizist schaute auf meinen alten Führerschein. Darauf steht mein voller Name Jutta Toni Marie Mercedes Benz. Ich habe dann auf Kurpfälzerisch gesagt: ‚Ja, so heiß ich halt.“ Ich sollte dann 20 Mark als Verwarnung bezahlen. Ich hatte aber kein Geld dabei. Da sagte der Polizist: „Wissen Sie was, wenn Sie beweisen können, dass Sie die Urenkelin sind, lassen wir das.“. Ich schlug vor, dass die Polizisten mit zu mir in die Wohnung kommen, um das Gemälde meines Urgroßvaters über meinem Schreibtisch anzusehen.
Und die Beamten sind tatsächlich mitgekommen?
Ja! Aber als wir bei meinem Haus ankamen, trauten sie ihren Augen nicht. Einer der Polizisten schaute mich völlig entgeistert an und meinte: „Was, da wohnen Sie? Das ist ja so ein kleines Haus!“ Die hatten wohl erwartet, dass eine Benz in einer riesigen Villa residiert. Ich habe dann gescherzt: „Wissen Sie was, wenn Sie mir die 20 Mark erlassen, die ich zu zahlen hätte, dann kann ich vielleicht mich eines Tages woanders einmieten“. Das fand der Beamte so spaßig, dass die 20 Mark sofort vergessen waren. Am Ende saßen wir noch eine halbe Stunde bei mir oben, haben das Bild vom „alten Carl“ bewundert und Kaffee getrunken. Und Anekdoten erzählt.
Stand: 08.12.2025
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Wenn Sie die Wahl hätten: Eine Fahrt in einer schönen naturnahen Umgebung im modernen Maybach oder eine holprige Tour im Viktoriawagen von 1893?
Keinen von beiden! Ich würde zu Fuß gehen. In einer schönen Gegend spazieren gehen – da würde ich nie fahren, weder mit einem neuen noch mit einem alten Auto.
Frau Benz, zum Abschluss: Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten und Karl und Bertha für fünf Minuten treffen könnten – was würden Sie die beiden fragen?
Ich würde gar keine Frage stellen. Ich würde ihnen sagen wollen: Ich habe mich gefreut, dass ihr gelebt habt.
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