Marktbeobachtung Youngtimer haben Klassiker überholt

Von Steffen Dominsky 6 min Lesedauer

Neuordnung durch den Generationswechsel: Eine Analyse der Online-Auktionsplattform Collecting Cars zeigt, warum Performance-Modelle der späten 80er- bis 2000er-Jahre im Wert steigen, während viele Klassiker der 50er- bis 70er-Jahre nachgeben.

Altes Original oder Neuinterpretrtion? Oldtimer oder Youngtimer? Immer öfter greifen Altautofans zu Letzterem.(Bild:  Volkswagen)
Altes Original oder Neuinterpretrtion? Oldtimer oder Youngtimer? Immer öfter greifen Altautofans zu Letzterem.
(Bild: Volkswagen)

In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Markt für Sammlerfahrzeuge still, aber grundlegend verschoben. Die lange gültige Hierarchie, angeführt von Nachkriegs-Roadstern der 50er-Jahre, eleganten Gran Turismos der 60er und Homologationsmodellen der frühen 70er, gerät zunehmend ins Wanken. An ihre Stelle tritt die Kategorie der 'Youngtimer', Performance-Modelle aus den späten 80ern bis in die 2000er, die den Markt inzwischen dominieren und dabei die Inflation oft weit hinter sich lassen.

„Diesen Wandel sehe ich in unseren eigenen Auktionsdaten bei Collecting Cars, ausgewertet über die vergangenen sechs Jahre öffentlicher Auktionsergebnisse, und er lässt sich kaum noch als vorübergehender Trend abtun“, ist Ed Callow, Head of Business Intelligence bei Collecting Cars überzeugt. Und: „Diese Entwicklung ist mehr als ein vorübergehender Trend. Sie steht für eine grundlegende strukturelle Neuordnung des Marktes, getrieben vom demografischen Wandel, vom Einfluss kultureller Meinungsmacher mit großer Reichweite in den sozialen Medien und von der Suche nach dem 'analogen Höhepunkt' als Gegenpol zu technikbeladenen und zunehmend elektrifizierten Alltagsautos.“

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Demografie, Alltagstauglichkeit und Wartung

Um zu verstehen, warum ein japanisches Coupé der 90er-Jahre oder eine deutsche Sportlimousine der 2000er-Jahre heute oft eine bessere Wertentwicklung zeigen als die Ikonen der Jahrhundertmitte, lohnt zunächst ein Blick auf das veränderte Profil vermögender Käufer. Vor zehn Jahren dominierte in den Auktionssälen die Generation der Babyboomer, deren Kindheitserinnerungen von der Sportwagen-Ära der Nachkriegszeit geprägt waren. Heute verfügen die jüngeren Vertreter der Generation X und die älteren Millennials über das Kapital, um sich die Fahrzeuge zu kaufen, die einst die Wände ihrer Kinderzimmer schmückten.

Über die reine Nostalgie einer jüngeren Generation hinaus wird der Wandel auch stark von der technischen Alltagstauglichkeit und dem Eindruck getrieben, dass sich ein Youngtimer vergleichsweise leicht in gutem Zustand halten lässt. Fahrzeuge der 50er- und 60er-Jahre erfordern häufig eine hochspezialisierte Wartung, die sich nicht per Computer diagnostizieren lässt. Auch die Fähigkeiten, die es dafür braucht, sei es beim Abstimmen von Vergasern, bei frühen mechanischen Einspritzsystemen oder bei veralteten Bremsanlagen, gehen zurück. Angehende Kfz-Techniker lernen den Umgang mit On-Board-Diagnose und Auslesegeräten, doch nur wenige eignen sich das Wissen an, um Oldtimer und Klassiker fachgerecht zu warten und zu restaurieren.

Auch der jüngere Wechsel zu Aluminiumkarosserien und sogar zu Aluminiumchassis verringert die Sorge, dass die Struktur eines Autos unter den Schichten aus Lack und Klarlack unbemerkt zerfällt. Fahrzeuge jeder Epoche können gravierende Probleme haben, doch bei der jüngeren Generation werden diese Fehler eher durch Fehlermeldungen oder Warnleuchten im Armaturenbrett sichtbar, statt unter einer hochglanzpolierten Außenhaut verborgen zu bleiben. Probleme moderner Autos lassen sich oft mit einem neuen Steuergerät für ein paar hundert Euro beheben, statt einen massiven Rostschaden beseitigen zu müssen, der schnell mehrere tausend Euro kostet.

Schließlich bieten Fahrzeuge aus den 90er- bis 2000er-Jahren eine besonders begehrte Mischung aus moderner Technik und analoger Bedienung. Sie sind womöglich mit Innovationen wie Mehrlenkerachsen oder digitalem Motormanagement ausgestattet, stammen aber aus der Zeit vor dem vollständigen „Eingriff“ der Elektronik, der mit Systemen wie Steer-by-Wire, elektronischer Stabilitätskontrolle, automatischem Zwischengas und künstlichen Motorsound-Generatoren kam.

Marktkontraste Marke für Marke

Betrachtet man diese grundlegende Verschiebung des Marktes über verschiedene Hersteller hinweg, wird der Trend eindeutig sichtbar. Bei den meisten großen Sportwagenmarken gibt es frühe klassische Ikonen, die sich abgekühlt haben oder unter ihre historischen Höchststände gefallen sind, während viele Modelle der 80er- bis 2000er-Jahre im Wert gestiegen sind. Die folgenden Beispiele geben eine Momentaufnahme des übergeordneten Trends wieder und beziehen sich auf Preise, die in den vergangenen sechs Jahren bei öffentlichen Auktionen erzielt wurden.

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Porsche

Klassiker: Porsche 356 B T5 Coupé, Verkaufspreise rund 20 Prozent gesunken. Als frühes luftgekühltes Porsche-Modell nach wie vor begehrt, haben Standard-356-B-Coupés dennoch an Wert verloren, weil jüngere Käufer leistungsstärkere moderne Technik und eine ausgefeiltere Fahrdynamik suchen. Ein Auto, das 2020 für 80.000 Euro verkauft wurde, dürfte heute 65.000 Euro erzielen.

Youngtimer: Porsche 997.2 GT3, Verkaufspreise rund 20 Prozent gestiegen. Wassergekühlte GT3 wurden eine Zeit lang übersehen, doch inzwischen erkennen Enthusiasten diese Generation als den letzten GT3, den es ausschließlich mit Handschaltung gab: eine Verbindung aus Motorsporttechnik und einem durch und durch analogen Fahrerlebnis. Ein Auto, das 2020 für 90.000 Euro verkauft wurde, sollte heute 110.000 Euro oder mehr erzielen.

Ferrari

Klassiker: Ferrari 365 GTC/4, Verkaufspreise rund 20 Prozent gesunken. Die Werte dieses eleganten 2+2 erreichten ihren Höhepunkt im spekulativen Boom der Jahre 2014 bis 2016. Hohe Restaurierungskosten, ein geringerer Bekanntheitsgrad im Vergleich zum berühmten Schwestermodell „Daytona“ und eine empfindliche Mechanik haben die Preise sinken lassen. Ein Auto, das 2020 für 180.000 Euro verkauft wurde, dürfte heute 150.000 Euro erzielen.

Youngtimer: Ferrari 575M Maranello (Variante mit H-Schaltung), Verkaufspreise rund 30 Prozent gestiegen. Weil die Mehrheit der 575M mit dem halbautomatischen „F1“-Schaltwippengetriebe das Werk verließ, sind die seltenen Varianten mit klassischer H-Schaltung noch begehrter geworden. Ein Auto, das 2020 für 150.000 Euro verkauft wurde, dürfte heute 200.000 Euro erzielen. Für die allerbesten Exemplare können die Preise diesen Wert natürlich deutlich übersteigen. Ein vollständig restaurierter 575M Maranello mit H-Schaltung und 13.000 Kilometern Laufleistung wurde im August 2026 auf Collecting Cars für 385.500 Euro verkauft und stellte damit einen beeindruckenden neuen europäischen Auktionsrekord auf.

BMW

Klassiker: BMW 3.0 CS / CSi, Verkaufspreise rund 18 Prozent gesunken. Das ikonische E9-Coupé der 1970er-Jahre erlebte einen rasanten Aufstieg, hat seither aber nachgegeben. Gründe sind seine strukturelle Rostanfälligkeit und das nachlassende Interesse jüngerer Enthusiasten, die eher dem Erbe der modernen M-Modelle nachjagen. Ein Auto, das 2020 für 50.000 Euro verkauft wurde, dürfte heute 42.000 Euro erzielen.

Youngtimer: BMW E46 M3 CSL, Verkaufspreise rund 30 Prozent gestiegen. Der leichtgewichtige CSL ist zu einem begehrten Sammlerauto geworden. Enthusiasten sehen ihm sein suboptimales Getriebe angesichts seines grandiosen Sounds und seiner beeindruckenden Fahrdynamik nach. Ein Auto, das 2020 für 70.000 Euro verkauft wurde, dürfte heute über 90.000 Euro erzielen.

Mercedes-Benz

Klassiker: Mercedes-Benz W121 190 SL, Verkaufspreise rund 20 Prozent gesunken. Lange im Windschatten des 300 SL unterwegs, hat der bescheidene 190 SL mit 1,9-Liter-Vierzylinder eine deutliche Preiskorrektur erlebt, weil ältere Besitzer verkaufen und die Nachfrage jüngerer Sammler gering bleibt. Ein Auto, das 2020 für 100.000 Euro verkauft wurde, dürfte heute rund 80.000 Euro erzielen.

Youngtimer: Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evolution II, Verkaufspreise rund 30 Prozent gestiegen. Das extreme DTM-Homologationsmodell von Mercedes aus dem Jahr 1990 hat einen Höhenflug erlebt. Sein ikonischer Heckflügel, die Cosworth-Abstammung seines Motors und seine Motorsport-Provenienz machen ihn unter jüngeren Enthusiasten zu einem äußerst gefragten modernen Klassiker. Ein Auto, das 2020 für 190.000 Euro verkauft wurde, dürfte heute 250.000 Euro erzielen.

Ausblick

Je weiter sich der Markt in die späten 2020er-Jahre bewegt, desto weiter wird sich die Kluft zwischen statischen Ausstellungsstücken und dynamischen Fahrerautos öffnen. Während seltene Spitzenklassiker (etwa der Ferrari 250 GTO oder der Mercedes 300 SL Flügeltürer) ihren sicheren Status als Wertobjekte einer alternativen Anlageklasse behalten, droht Großserienklassikern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts weiterhin Stagnation oder Wertverlust. Umgekehrt festigen Youngtimer aus limitierter Produktion, vor allem solche mit Handschaltung, analogen Armaturen und hochdrehenden Saugmotoren, ihre Position als die zentralen Sammlerstücke der modernen Ära, ist Ed Callow überzeugt.

Classic Business Day | 18. November 2026

Autos von gestern, Geschäft für morgen: Die Fachtagung für Young- & Oldtimer

Das Expertenmeeting zum Handel mit historischen Fahrzeugen bietet Profis wie auch Einsteigern umfassende Experteneinblicke. Im Fokus stehen diesmal drei große Themen, zu denen es Vorträge sowie eine Diskussionsrunde geben wird: Additive Fertigung (3D-Druck), Smart Repair sowie Reifen & Räder. Veranstaltungsort ist 2026 das Autohaus Hagenlocher in Böblingen.

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