Hyundai überträgt das Erfolgsrezept des Ioniq 5 N auf eine flachere Limousine. Der Ioniq 6 N fährt präziser, schneller und erwachsen.
Der Hyundai Ioniq 6 N weckt beim Fahrer Emotionen, die die E-Mobilität bislang kaum erzeugen konnte.
(Bild: Hyundai)
Die E-Mobilität hat zu einer Leistungsinflation geführt: Selbst 650 PS sind für einen modernen Stromer kein besonders beeindruckender Wert mehr. Beim exakt so starken Hyundai Ioniq 6 N sind es aber nicht die abstrakten Zahlenwerte, die beeindrucken. Sondern die Art und Weise, wie sie inszeniert sind: mit so viel Herzblut und Detailverliebtheit, dass sie beim Fahrer Emotionen wecken, die die E-Mobilität bislang kaum erzeugen konnte.
Schon der zivile Ioniq 6 gehört zu den eigenständigsten Elektroautos auf dem Markt. Mit seiner stromlinienförmigen Silhouette, dem tief gezogenen Dach und dem eigenwilligen Heck hat die Limousine schon immer polarisiert. Das leistungsgesteigerte N-Modell setzt nun noch zwei Nummern drauf, ist keine dezente Gentleman-Sportversion, sondern ein ziemlich offensives Statement. Breitere Radhäuser, tiefer gezogene Schürzen, 20-Zoll-Räder und vor allem der große Schwanenhals-Heckflügel lassen keinen Zweifel daran, dass es hier nicht nur um ein paar zusätzliche Kilowatt geht.
Technisch basiert der Ioniq 6 N auf der bekannten E-GMP-Plattform mit 800-Volt-Technik und 84-kWh-Akku. Die Antriebstechnik stammt im Kern aus dem Ioniq 5 N: Zwei Elektromotoren treiben alle vier Räder an, hinten hilft ein elektronisch geregeltes Sperrdifferenzial bei der Kraftverteilung. Die Systemleistung liegt regulär bei 448 kW/609 PS, per „N Grin Boost“ sind kurzzeitig bis zu 478 kW/650 PS möglich. Das maximale Drehmoment steigt dann auf 770 Nm. Damit sprintet die Limousine in 3,2 Sekunden auf Tempo 100, die Spitze liegt bei 257 km/h. In der Welt der meist aus Effizienzgründen elektronisch eingebremsten Elektroautos sind solche Werte doppelt eindrucksvoll.
Ioniq 6 wird zum ernsthaften Kurvenräuber
Hyundai hat es aber nicht bei Leistung und Optik belassen. Gegenüber dem normalen Ioniq 6 wurden Fahrwerk, Achssteifigkeit, Lager, Dämpfer und Lenkung umfassend überarbeitet. Im Kofferraum ist sogar eine auffällige Domstrebe zu sehen, die die Karosserie versteift, im Gegenzug aber die Nutzung der umklappbaren Rücksitzlehnen behindert. Das zeigt deutlich, wo die Prioritäten liegen: Der Ioniq 6 N will nicht nur beim Schnellreisen auf der linken Autobahnspur überzeugen, sondern ernsthaft Kurven können.
Im Innenraum bleibt die Grundarchitektur des Ioniq 6 erhalten, gewinnt aber durch N-spezifische Details deutlich an Ernsthaftigkeit. Die Schalensitze stammen aus dem Ioniq 5 N, sitzen in der flacheren Limousine aber niedriger. Das verbessert die Fahrerposition, auch wenn man noch immer nicht so tief kauert wie in einer klassischen Sportlimousine. Dafür bieten die Sitze viel Seitenhalt, ohne auf längeren Strecken zur Zumutung zu werden.
Außer bei Antrieb, Fahrwerk und Auftritt hat Hyundai den Sechser auch elektronisch nachgeschärft: Zu den Eigenheiten des N-Konzepts gehört weiterhin die künstliche Gangschaltung, die auf Tastendruck ein Achtganggetriebe samt Schaltstößen, Drehzahlgrenze und künstlichem Motorsound generiert. Das klingt auf dem Papier nach Kirmes, funktioniert in der Praxis aber erstaunlich gut. Die Technik macht das Auto nicht schneller, aber sie gibt dem Fahrer Orientierung und Beschäftigung. Wer das albern findet, nutzt die Spielereien nicht und fährt ein sehr schnelles, sehr leises Elektroauto. Gut gelungen ist dabei die Integration der Fahrmodi-Features: Bedienung und Infotainment bleiben trotz einer berauschenden Vielzahl an Einstellmöglichkeiten von Traktionshilfen, Lenkung, Dämpfern und Motorsound erfreulich klar.
Auf der Straße ist der Ioniq 6 N mit seinem niedrigeren Schwerpunkt, der steifen Karosserie, der gefühligen Lenkung und der optimierten Aerodynamik extrem präzise. Er lenkt sauber ein, baut viel Grip auf und dreht sich freudig in jede Kurve hinein- und wieder heraus. Was die Hyundai-Ingenieure nicht ändern konnten, ist das hohe Gewicht von mehr als zwei Tonnen. Das Fahrwerk filtert Stöße aber trotz der sportlichen Abstimmung überraschend gut weg. Es gibt sicherlich komfortablere E-Autos, aber der Sportwagen ist im Alltag weniger störrisch, als es die brachiale Optik vermuten lässt. Störend ist allenfalls der sehr große Wendekreis, der den Hyundai im Stadtverkehr und beim Rangieren sehr unhandlich wirken lässt.
Stand: 08.12.2025
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400 Kilometer fahren und dann schnell laden
Bei Verbrauch und Reichweite profitiert die Limousine von ihrer guten Aerodynamik. Hyundai nennt einen Normverbrauch von 18,7 kWh je 100 Kilometer, die WLTP-Reichweite liegt bei rund 487 Kilometern. Wer die Leistung wirklich abruft, wird diesen Wert naturgemäß nicht sehen. Stabile 400 Kilometer sind bei zurückgenommener Fahrweise aber möglich. Auch auf der Autobahn, wo der Ioniq effizienter unterwegs ist als die vielen Elektro-SUVs. Dank 800-Volt-Technik ist die Langstreckentauglichkeit sowieso hoch: Am Schnelllader bedient sich der Koreaner mit Leistungen deutlich oberhalb von 200 kW und erreicht über einen breiten SoC-Bereich auch Spitzenwerte um die 240 kW.
Der Preis macht den Ioniq 6 N allerdings zum Liebhaberauto. In Deutschland startet die Sportlimousine bei 75.900 Euro. Damit liegt sie auf dem Niveau des Ioniq 5 N und deutlich über den normalen Ioniq-6-Varianten.