EY-Analyse Deutsche Autobauer verlieren weiter an Boden

Quelle: dpa 4 min Lesedauer

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Die Verwerfungen in der Automobilindustrie sind nicht mehr zu ignorieren, der laufende Stellenabbau verunsichert die Bevölkerung massiv. Eine Untersuchung von EY verdeutlicht, die globalen Verschiebungen und die Gewinner und Verlierer der Disruption.

Die Automobilproduktion in Deutschland ist aus Kostengründen massiv unter Druck. Die Gewinne der Unternehmen sinken spürbar.(Bild:  Volkswagen AG)
Die Automobilproduktion in Deutschland ist aus Kostengründen massiv unter Druck. Die Gewinne der Unternehmen sinken spürbar.
(Bild: Volkswagen AG)

Die drei großen deutschen Autokonzerne verlieren im Vergleich zur internationalen Konkurrenz weiter an Boden. In der ersten Jahreshälfte sanken die Umsätze von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW auf rund 284 Milliarden Euro. Das sind 2,9 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, wie aus einer Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY hervorgeht. Zum Vergleich: In Summe steigerten die 19 untersuchten Autokonzerne ihre Erlöse um 3,6 Prozent auf knapp 1,05 Billionen Euro.

Für die deutschen Hersteller handelt es sich den Angaben nach um das dritte Umsatzminus in einem ersten Halbjahr in Folge. Noch deutlicher werde der Rückstand im Konzern-Ranking: 15 Autobauer verzeichneten EY zufolge ein Umsatzplus – die drei deutschen Konzerne aber belegen die Plätze 16, 17 und 19. Den stärksten Zuwachs erzielte Tesla, gefolgt von Suzuki und Geely.

Auch beim Gewinn setzt sich die Schwäche der deutschen Autoindustrie fort: Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) der deutschen Autobauer sank um 19,0 Prozent auf 13,0 Milliarden Euro.

Absolut lagen VW, Mercedes und BMW damit zwar weiterhin mit Abstand vor den Herstellern aus anderen Ländern – es ist der Analyse zufolge aber der niedrigste Wert seit dem Pandemie-Jahr 2020. Ebenfalls schlechter lief es bei Herstellern aus China (-21,9 %) und Japan (-36,5 %). Die US-Hersteller Ford, General Motors und Tesla legten hingegen um 32,9 Prozent zu.

Der Gewinn aller betrachteten Hersteller stieg demnach um 11,4 Prozent auf 43,7 Milliarden Euro. Der Vergleich werde aber dadurch beeinflusst, dass etliche Konzerne im Vorjahreszeitraum massive Abschreibungen auf das Geschäft mit E-Autos vorgenommen hätten. Dadurch fällt der Anstieg größer aus.

„Made in Germany“ wird zur Achillesferse

Nach Ansicht von EY-Branchenexperte Constantin Gall steckt Deutschlands Autoindustrie in einer Profitabilitätskrise. „Die deutschen Hersteller verlieren nicht nur Marktanteile, sondern vor allem Ertragskraft“, teilte Gall mit. Während internationale Wettbewerber ihre Margen stabilisierten, gerieten VW, Mercedes-Benz und BMW bei Gewinn und Rendite zunehmend ins Hintertreffen.

„Die deutschen Konzerne leiden massiv unter strukturellen Kostennachteilen“, teilte Gall weiter mit. Der hohe Produktionsanteil in Deutschland sei lange ein Wettbewerbsvorteil und Symbol für Qualität und Stärke gewesen. Angesichts einer viel zu geringen Lohnkostenproduktivität, hoher Energiepreise und hoher Kosten für Regeln und Bürokratie werde er aber zunehmend zur Belastung.

Notwendige Veränderungen könnten hierzulande nicht konsequent umgesetzt werden. Daher werde es schwer, beim Thema Profitabilität den Anschluss an die Weltspitze wiederherzustellen. „Deutsche Konzerne suchen daher ihr Heil in der Abwanderung an attraktivere Standorte“, erklärte Gall. Deutschland könne nur Autonation bleiben, wenn alle Beteiligten über ihre Schatten sprängen und die strukturellen Standortnachteile schnell und pragmatisch lösten.

Ein großer Bremsklotz: China

Neben den US-Zöllen macht den Autobauern insbesondere der Markt in China zu schaffen. Dieser hat sich Gall zufolge von der „Cashcow“ zum Sorgenkind entwickelt: In der Volksrepublik haben die drei deutschen Autobauer demnach von Januar bis Juni einen Absatzrückgang von 25 Prozent verzeichnet. „China bleibt das größte Einzelrisiko für die deutschen Konzerne“. Ein Minus in dieser Größenordnung lasse sich nicht kurzfristig in anderen Regionen ausgleichen. Da helfe es wenig, dass es für die Deutschen in Europa aktuell relativ gut laufe.

Der chinesische Markt ist Gall zufolge extrem wettbewerbsintensiv. Angesichts der schwachen Konjunktur verkaufen sich teure Premiumfahrzeuge schlechter. Und im wachsenden Elektrosegment bevorzugen chinesische Kunden demnach einheimische Marken. Der Anteil Chinas am weltweiten Absatz von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW sank binnen eines Jahres von 28,9 auf 23,5 Prozent.

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Aber auch die untersuchten Autokonzerne aus China stehen unter Druck: Ihr weltweiter Absatz sank im ersten Halbjahr um acht Prozent, während der Absatz in Europa um 44 Prozent zulegte. „Der weltweite Expansionskurs und der brutale Preiswettbewerb im Heimatmarkt kosten auch die chinesischen Hersteller viel Geld“, erklärte Gall. Aber sie hielten daran fest. Das bedeute für die Anbieter aus Europa weiter steigenden Preisdruck in der Heimat.

IG Metall mobilisiert gegen Stellenabbau

Die Krise sorgt auch in der deutschen Autoindustrie für Unruhe. Angesichts der Probleme laufen eine Reihe von Jobabbauprogrammen, die sich über mehrere Jahre erstrecken. Zehntausende Menschen sind betroffen – bei den Herstellern ebenso wie bei den Zulieferern wie Bosch, Aumovio, ZF Friedrichshafen und Mahle.

Gegen den Stellenabbau machte die IG Metall am Montag an gut 200 Orten mobil – nach eigenen Angaben sind rund 175.000 Beschäftigte gekommen. „Unsere Forderung an die Unternehmen ist klar: Innovationen und Investitionen in Deutschland und nicht auf den reinen Lohnkostenvergleich gucken“, sagte beispielsweise Michael Erhardt, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Frankfurt, nach einer Betriebsversammlung bei Aumovio in Frankfurt.

„Überall brennt gerade die Hütte“, sagte Gewerkschaftschefin Christiane Benner. Man erwarte, dass die Unternehmensspitzen Verantwortung für das Autoland Deutschland, die Beschäftigten und die Arbeitsplätze übernehmen. Von der Politik forderte Benner verlässliche Bedingungen für Investitionen, bezahlbare Energie und die Förderung eines „Made in EU“-Ansatzes. Zudem verlangte sie Schutz vor unfairem Wettbewerb, Finanzhilfen für Zulieferer im Umbau und die Beibehaltung der Altersteilzeit-Regelungen. 

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hält umgekehrt eine größere Veränderungsbereitschaft von Gewerkschaften und Beschäftigten für nötig. Produktion in Deutschland sei „kein Naturgesetz“, die Auslastung von Werken kein Selbstläufer, schrieb VDA-Präsidentin Hildegard Müller in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“.

Als Wettbewerbsnachteil nannte sie vor allem die hohen Arbeitskosten und die kürzeren Arbeitszeiten in Deutschland. Eine Arbeitsstunde koste in der deutschen Autoindustrie fast 65 Euro, in Tschechien 24 und in Polen 18 Euro. In Deutschland würden durchschnittlich 1300 Stunden im Jahr gearbeitet, in Tschechien 1.800 und in Mexiko mehr als 2.000 Stunden.

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