Suchen

Kommt der Job-Kahlschlag? Zu diesen Sparmaßnahmen greifen Deutschlands Auto-Konzerne

| Autor / Redakteur: dpa / Christoph Seyerlein

Regelmäßig produzieren Automobilfirmen aktuell mit neuen Sparprogrammen infolge der Corona-Pandemie Schlagzeilen. Wir haben auf einen Blick gesammelt, welche Einschnitte bei Deutschlands größten Auto-Konzernen anstehen.

Firmen zum Thema

Viele Jobs in der Autobranche stehen auf der Kippe.
Viele Jobs in der Autobranche stehen auf der Kippe.
(Bild: VW)

Von der „Schlüsselindustrie“ ist häufig die Rede, wenn es um die deutsche Autobranche geht. Mehr als 800.000 Beschäftigte arbeiten hier, direkt und indirekt hängen geschätzt zwei Millionen Menschen von Wohl und Wehe des wichtigen Wirtschaftszweigs ab. Zu dem ohnehin schwierigen Umbruch von der alten Verbrenner-Welt in die neue Zeit der Alternativantriebe und Vernetzung kommt jetzt die tiefe Absatzkrise wegen der Pandemie, bei der noch kein Ende absehbar ist. Dabei liefen schon vorher Sparpläne in etlichen Unternehmen. Wie sieht die aktuelle Lage aus?

Volkswagen: Eine Verschärfung laufender Einsparungen explizit infolge von Corona ist bei der Kernmarke des weltgrößten Autokonzerns bisher nicht vorgesehen. Aber es besteht ein Einstellungsstopp – und VW baut auch so schon seine Strukturen radikal um. 2016 startete ein zunächst heftig umstrittener „Zukunftspakt“, mit dem bis Ende 2019 bereits fast 11.000 Stellen gestrichen und knapp drei Milliarden Euro an Ausgabenkürzungen erreicht wurden.

Im Laufe der kommenden Jahre dürften insgesamt bis zu 20.000 Jobs weggefallen sein. Kündigungen will VW dabei vermeiden, im Kern gilt eine Beschäftigungsgarantie bis 2029. Parallel dazu entstehen neue Arbeitsplätze: Für die E-Mobilität werden auch Beschäftigte umgeschult, für Digitalisierung und Vernetzung baut der Konzern unter anderem eine interne Software-Sparte mit mittelfristig mehr als 10.000 Beschäftigten auf.

Daimler: Die Corona-Krise sorgt für tiefrote Zahlen und zwingt den Autobauer zur Verschärfung seines sowieso geplanten Sparkurses. Obendrein beschleunigt sie die Transformation von Verbrenner- zu E-Motoren. Standortübergreifend war zuletzt der Abbau von 10.000 bis 15.000 der weltweit rund 300.000 Stellen kolportiert worden. Medien hatten sogar von bis zu 30.000 Stellen berichtet. Die Zahlen kommentiert Daimler nicht – man strebe möglichst sozialverträgliche Lösungen an. Nach Betriebsratsangaben will der Konzern beispielsweise am Stammsitz in Stuttgart-Untertürkheim bis 2025 rund 4.000 von 19.000 Stellen streichen. In Berlin, wo das älteste produzierende Werk steht, sollen demnach rund 1.000 von 2.500 Jobs wegfallen.

BMW spart ohne größere Nebengeräusche

BMW: Der bayerische Autobauer streicht 6.000 seiner 126.000 Stellen, verzichtet aber auf betriebsbedingte Kündigungen. Stattdessen bekommen freiwillig ausscheidende Mitarbeiter und Frührentner Abfindungen. Auch die Altersteilzeit-Angebote sind laut Betriebsrat „sehr attraktiv“. Junge Beschäftigte, die studieren wollen, unterstützt BMW finanziell und garantiert ihnen nach dem Abschluss die Rückkehr in ein Arbeitsverhältnis.

Personalchefin Ilka Horstmeier sprach von einem Paket, „das uns kurzfristig hilft, das Unternehmensergebnis zu verbessern, uns aber langfristig die Innovationskraft erhält“. Die Autoverkäufe brachen im zweiten Quartal ein, BMW schrieb zum ersten Mal seit elf Jahren rote Zahlen. Der Autobauer investiert Milliarden in E-Mobilität und Digitalisierung.

Audi: Die VW-Tochter hatte schon im November 2019 beschlossen, in Ingolstadt und Neckarsulm 9.500 der 61.000 Stellen abzubauen, aber ohne Kündigungen. Die Fertigungskapazität der beiden Werke wird um ein Sechstel verkleinert. Knapp 2.000 Jobs sollen bei Elektromobilität und Digitalisierung neu entstehen. Audi will sechs Milliarden Euro einsparen, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Standorte langfristig sichern und wieder profitabler werden. Der Hersteller ist seit der Aufdeckung des Dieselskandals 2015 deutlich hinter die Konkurrenten Daimler und BMW zurückgefallen und schreibt wegen Corona jetzt rote Zahlen. Der neue Chef Markus Duesmann sagte, der geplante Stellenabbau reiche – mehr sei nicht geplant.

Viel Unruhe bei Opel und MAN

Opel: Seit der Übernahme im Sommer 2017 durch den französischen PSA-Konzern hat Opel massiv Arbeitsplätze mit Abfindungsprogrammen abgebaut. Die verbleibenden Beschäftigten sind per Tarifvertrag bis Sommer 2025 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt. Umso größer war daher die Empörung von IG Metall, Betriebsrat und politischen Parteien in Hessen, als Arbeitsdirektor Ralph Wangemann wegen der coronabedingten Absatzkrise mit betriebsbedingten Kündigungen drohte, sollten sich für die nächste Abfindungsrunde nicht genug Freiwillige finden. In der Folge einigten sich die Beteiligten dann auf eine Verlängerung der Kurzarbeit in Rüsselsheim bis Ende 2021 und die Gründung von Transfergesellschaften, in denen Opelaner fit gemacht werden sollen für andere Jobs. Von Entlassungen ist derzeit nicht mehr die Rede.

MAN: Der Lkw-Hersteller will in Deutschland und Österreich rasch 9.500 Stellen abbauen, die Werke Steyr, Plauen sowie Wittlich schließen und Produktion nach Polen und in die Türkei verlagern. Allein im Stammwerk München und im Dieselmotorenwerk Nürnberg sollen 4.000 Jobs wegfallen. Der Vertrag zur Beschäftigungs- und Standortsicherung wurde gekündigt, der Betriebsrat läuft Sturm dagegen. VW-Konzernchef Herbert Diess sagte, die wirtschaftliche Basis von MAN habe schon vor Corona nicht gereicht, um Investitionen zu finanzieren. Nun schreibt die VW-Tochter rote Zahlen. MAN erklärte, man müsse weiter investieren, um 2025 „zu den führenden Nutzfahrzeugherstellern im Bereich Elektro- und Wasserstoffantriebe“ zu zählen.

(ID:46902552)