VW-Betriebsversammlungen Vorstand erntet heftige Kritik für Sparkurs

Quelle: dpa 4 min Lesedauer

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Die vom Management angestrebten tiefgreifenden Veränderungen im Volkswagenkonzern stoßen seit Monaten auf heftige Kritik. Nun muss Vorstandschef Oliver Blume vor die Belegschaft treten. Die Stimmung ist schlecht – und auch aus den Gremien kommt wieder heftiger Gegenwind.

Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume will den Autobauer neu ausrichten – und sparen. Seine Pläne muss er den Belegschaften der deutschen Werke erklären. Der Gegenwind ist stark.(Bild:  Volkswagen AG)
Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume will den Autobauer neu ausrichten – und sparen. Seine Pläne muss er den Belegschaften der deutschen Werke erklären. Der Gegenwind ist stark.
(Bild: Volkswagen AG)

Volkswagen fährt im Krisenmodus. Der Vorstand sieht den Autobauer in der größten Transformation der Unternehmensgeschichte. Um den Konzern dafür zukunftsfest aufstellen, sind für die Führung Sparmaßnahmen unvermeidbar. Aber: Der Betriebsrat, die Gewerkschaft und die Politik teilen viele Einschätzungen nicht. Kann eine Serie von Betriebsversammlungen Ruhe bringen? Beim Auftakt in Wolfsburg sieht es nicht so aus. 

Vorstandschef Oliver Blume betont in diesen Tagen immer wieder, dass es sich nicht um ein VW-internes Problem handelt. „Die gesamte Autoindustrie steht unter enormem Druck“, sagt er auch am Dienstag in der Wolfsburger Konzernzentrale. US-Zölle, die Marktentwicklung in China und mehrere politischen Krisen, zählt er zur Lagebeschreibung auf, die alle großen Hersteller und auch Zulieferer treffe.

In dem Wettbewerbsvergleich schlägt sich das Unternehmen nach den Worten Blumes ordentlich. Aber: „Wir müssen Komplexität reduzieren, unsere Strukturen konsequent verschlanken und Kosten senken“, betont er in seiner Rede an die Belegschaft. VW habe frühzeitig gegengesteuert und begonnen, Konzern und Marken neu auszurichten.

Der Konzern ist aus Sicht des Vorstands zwar handlungsfähig, hat aber auch akuten Handlungsbedarf. Dazu verweist Blume auf 3,8 Prozent operative Rendite, die in dieser anspruchsvollen Situation zwar solide seien. „Das reicht aber nicht aus, um unsere Zukunft aus eigener Kraft zu finanzieren“, bekräftigt der VW-Chef. 

Die Pläne liegen weiter auf dem Tisch

Bis 2030 hat Volkswagen bereits den Abbau von konzernweit 50.000 Stellen in Deutschland angekündigt. 35.000 Jobs sollen bei der Kernmarke wegfallen, der Rest bei Töchtern wie Audi und Porsche. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben bereits entsprechende Vereinbarungen unterschrieben. In diesem Frühjahr legte Blume nach und kündigte an, an einem neuen „Zielbild 2030“ für den Konzern zu arbeiten und dabei auch den Sparkurs deutlich verschärfen zu wollen. Seitdem wird bei VW um Zehntausende zusätzliche Stellen und vier ganze Standorte gebangt. 

Mit Blick auf mögliche Werksschließungen in Emden, Zwickau und Hannover sowie bei der Tochter Audi in Neckarsulm sprach Blume Ende Juli von einer letzten Option, die er gern vermeiden möchte. Für die vier Werke gebe es derzeit noch keine „wettbewerbsfähige Belegung“ für die 2030er Jahre.

Zudem will der Vorstand die mehr als 2.000 Beteiligungen und das Modellangebot in den Fokus rücken. „Da müssen wir uns ehrlich fragen: Was stärkt unser Kerngeschäft?“, fragte Blume jüngst. Eine gestraffte Modellpalette bedeutete weniger Komplexität, weniger Aufwand in Entwicklung und Produktion. 

Betriebsratsvorsitzende sieht Vertrauen beschädigt

Der mächtige Betriebsrat zeigte sich entrüstet und berief außerordentliche Betriebsversammlungen an mehreren Standorten ein. Zum Auftakt in die Reihe am Stammsitz kritisiert Betriebsratschefin Daniela Cavallo den Vorstand um Blume hart. Das Vertrauen insbesondere in den Konzernchef sei beschädigt, sagt Cavallo nach Angaben aus Teilnehmerkreisen im Stammwerk. „Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten“, schimpft sie über die bisherige Kommunikation rund um geplante Sparmaßnahmen.

Mit Blick auf die genannten 50.000 Jobs spricht Cavallo von einer plakativen Zahl, die bei der Börse immer gut ankomme. Es gebe dazu aber keine Erklärungen, welche Schwerpunkte es geben müsse und welche Marken, Regionen und Gesellschaften im Fokus liegen dürften. „Nein, das alles sagt man nicht“, kritisiert Cavallo den Angaben zufolge. Sie habe dafür Applaus von deutlich mehr als 10.000 Beschäftigten erhalten. 

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Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) betont zuletzt mehrfach, dass Fabrikschließungen keine Option seien. Die Größe des Konzerns sei vielmehr eine Chance, sagt der Regierungschef, der aufgrund seines Amts im VW-Aufsichtsrat sitzt. Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte an Europas größtem Autobauer.  Die Größe des Konzerns sei eine Chance. Sie in Frage zu stellen, „wäre wirklich fatal“. Vorstandschef Oliver Blume hatte den Konzern zuvor als „überdimensioniert“ bezeichnet.

Lies sprach sich auch dafür aus, Wachstumspotenziale vor allem im E-Mobilitätsmarkt zu nutzen. Zudem könne man Synergien zwischen den unterschiedlichen Marken des Konzerns verbessern. Eine Möglichkeit sei auch die Produktion für die Rüstung, um phasenweise die Auslastung von Werken sicherzustellen.

Klarheit lässt auf sich warten

Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) erwartet einen „heißen Herbst“ bei Volkswagen. Aber auch von den kommenden Betriebsversammlungen sei für ihn nicht viel Klarheit zu erwarten. „Im Aufsichtsrat werden die strategischen Entscheidungen getroffen“, sagt Bratzel. Die nächste Sitzung dieses Gremiums steht im September an.

In der Krise bei Volkswagen ist aus Sicht der Linken-Politikerin Heidi Reichinnek die Bundesregierung gefordert. „Statt das Verbrenner-Aus zurückzudrehen, braucht es konsequente Schritte zur E-Mobilität durch verlässliche und klare Vorgaben sowie ein großangelegtes Investitionspaket“, sagte die Chefin der Linksfraktion im Bundestag der Deutschen Presse-Agentur. Auch brauche es mehr Mitbestimmung in den Betrieben, um das Know-how der Beschäftigten zu nutzen.

Reichinnek übte scharfe Kritik am Management des Konzerns. „VW hat in den letzten fünf Jahren fast 30 Milliarden Euro an seine Aktionäre ausgeschüttet, statt ausreichend in die Zukunft des Unternehmens zu investieren“, sagte sie. „Dafür will die Konzernspitze nun die Belegschaft bluten lassen, indem vier Werke geschlossen und weitere 50.000 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen.“ Durch den Fokus auf Rendite für wenige fahre das Management das Unternehmen an die Wand, sagte Reichinnek.

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