Wahre Liebe verbindet viele Besitzer mit ihrem Mercedes-Benz-Young- bzw. Oldtimer. Um diese Beziehung im Fall Wartung, Reparatur oder Restaurierung aktiv mitzugestalten, hat die Marke mit dem Stern ihr Classic Center stark überarbeitet und umfangreich erweitert. »kfz-betrieb« blickte hinter die Kulissen eines Business-Cases rund um automobile Zuneigung und Leidenschaft.
Erbe schafft Zukunft: Unter diesem Motto steht auch die Neueröffnung des Mercedes-benz Classic Center in Fellbach – ein Meilenstein für Mercedes-Benz Heritage.
(Bild: Dominsky – VCG)
„Ware ist ein bewegliches wirtschaftliches Gut …, das der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient ...“ Diese Worte einer bekannten Online-Enzyklopädie treffen den Nagel bzw. die Schraube auf den Kopf – beweglicher als ein Auto geht’s kaum. Und was ist es nicht für ein herrliches Gefühl und das Bedürfnis vieler, der heutigen Hektik, Automation und Bevormundung in einem historischen Gefährt entfliehen zu können, und sei es nur für wenige Stunden?
Denken auch Sie so? Ich tue es! Auch ich leiste mir den Luxus eine Ware zu besitzen, die keinen wirklichen Nutzen hat, aber so viel Freude macht und Zuneigung auslöst, diese aber genauso einfordert. Damit befinde ich mich in der Gesellschaft von geschätzt 1 bis 1,4 Millionen Klassikfans jenes Automobilherstellers, der als ältester dieses Planeten gilt: Mercedes-Benz. Und da bekanntlich nicht nur Adel, sondern auch Tradition verpflichtet, kommen die Erben von Carl Benz und Gottlieb Daimler ihrer Verantwortung entsprechend nach. So kümmert sich bereits seit vielen Jahren das, was einst „Mercedes-Benz Classic“ hieß, heute immer noch so heißt, aber als eine Marke unter der Dachmarke „Mercedes-Benz Heritage“ firmiert, um besagtes Erbe. Das tut das dafür ins Leben gerufene „Classic Center“ in Fellbach, einen 5km-Steinwurf vom Mercedes-Benz-Unternehmenssitz in Stuttgart-Untertürkheim entfernt, bereits seit 1993 (seit 1996 unter diesem Namen). Das große Aber: Bis vor Kurzem hatte das Center nur einen einzigen Kunden: sich selbst, also den eigenen Konzern. Für den restaurierte man das, was im hauseigenen Museum steht, auf Messen und bei Events gezeigt und auch gefahren wird.
Wie der Fall Kienle einiges veränderte
Das änderte sich mit einem Schlag bzw. Knall. Den löste ein gewisser Klaus Kienle aus. Wie bekannt legte der König unter den Mercedes-Benz-Restauratoren vor genau drei Jahren (s)eine Insolvenz hin. In der Folge übernahm die Mercedes-Benz AG „notgedrungen“ fast das komplette Unternehmen man Mann, Frau und Maus. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der Konzern gerade dabei war, das Thema Classic mit all seinen Facetten (Classic Center, Museum, Unternehmensarchiv, Ersatzteilversorgung, Clubmanagement, etc.) zu überdenken und neu aufzusetzen. Das Ergebnis dieses Denk- und Aufsetzprozesses erblickte 2024 als besagte „Mercedes-Benz Heritage“ das Licht der Welt und hatte neben zahlreichen weiteren auch diese neue Strategie im Gepäck: Künftig würde das Classic Center nicht nur die eigenen Fahrzeuge warten, reparieren und restaurieren, sondern auch die von Hinz und Kunz, also jedermann.
Diese massive Erweiterung des Kundenstamms und Einzugsgebiets plus die Übernahme zahlreicher Kienle-Mitarbeiter und auch -Kunden hatte weitreichende Konsequenzen. Allen voran die, dass die bestehenden Kapazitäten in Sachen Flächen, Werkzeug- und Maschinenpark für diese Expansion in keiner Weise ausreichten. Also tat man das, was man in Schwaben immer so macht, wenn Herausforderungen anstehen: Man krempelte die Arme hoch und investierte. In Zeit, vor allem aber in Geld. Nicht nur um das beste Classic Center aller Zeiten auf die Beine zu stellen, sondern schlicht und ergreifend den größten Oldtimer-Fachbetrieb (dieser/einer Marke) auf der Welt.
Beeindruckende 10.000 m2 Werkstattfläche
Auf jetzt rund 18.000 m2 bietet das neue Classic Center mit seinen beiden Komplexen „Fellbach 1“ und „Fellbach 2“ alles das, was die Herzen der Halter klassischer Mercedes-Benz- und AMG-Modelle höher schlagen lässt – über alle Epochen und Baureihen hinweg. Neben den bereits angesprochenem Feldern Wartung, Reparatur und Restaurierung umfasst dieses auch einen Fahrzeughandel, einen Ersatzteilverkauf und die Serviceleistung Erstellung einer Hersteller-Expertise („Geburtsurkunde“ bzw. „Echtheitszertifikat“). Auf ca. 10.000 m2 Werkstattfläche kümmern sich nunmehr 70 Fachleute um die Sorgen, Nöte und Wünsche solventer Mercedes-Benz-Eigener und -Eignerinnen.
Dafür stehen diesen seit dem Umbau neben mehr als 22 Hebebühnen nun auch eigene Lackiererei, eine Polsterei und ein kleiner Holz-/Möbelbau zur Verfügung. Auch in Maschinen für die Metallbearbeitung wurde und wird investiert. So wird demnächst umfangreiches Equipment für die Motorenteilebearbeitung (Bohr- und Hohnwerke, Kurbel- und Nockenwellenschleifmaschinen und andere) einziehen. Bereits eingezogen bzw. eingebaut ist ein Rollenleistungsprüfstand. Doch ist es nicht nur Technik, die den Classic-Center-Mitarbeitern ihre Arbeit leichter macht bzw. ein stark vergrößertes Leistungsportfolio ermöglicht. Es sind auch Informationen, sprich technische Unterlagen, Konstruktionsdaten und historisches Hintergrundmaterial aus dem Mercedes-Benz-Konzernarchiv – einem, wenn nicht dem größten privaten Wirtschaftsarchiv weltweit – auf das die Classic-Center-Mitarbeiter, anders als andere, zugreifen können.
Stand: 08.12.2025
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In eigene Ausbildung investieren lautet die Devise
Neben aller Technik investierte das Classic-Center unter der Leitung von Peter Schoren in jüngster Vergangenheit auch massiv in Man- bzw. Woman-Power und hier speziell in den eigenen Nachwuchs. So absolvieren, Stand heute, bereits sechs junge Menschen eine Ausbildung als Mechatroniker(-in) und drei als Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker. Perspektivisch soll auch die Sattlerei als Ausbildungsgewerk dazukommen. Da das Leistungsangebot des neuen Classic Center sich nicht nur auf alte Oldtimer beschränkt, sondern auch junge Youngtimer (Fahrzeuge älter 15 Jahre) adressiert, ist auch das Thema „moderne Technik“ im Rahmen der Ausbildung kein solches.
Und selbst bzw. erst recht nach der Ausbildung geht der interkollegiale Wissenstransfer weiter. Zentraler Baustein dabei ist die Wissensweitergaben durch alte Hasen. Dazu arbeiten im Rahmen von Patenprogrammen junge Fachkräfte über längere Zeit mit diesen zusammen. So wird wertvolles Wissen weitergegeben und bleibt für die Zukunft erhalten.
Stichwort „Zukunft“
Apropos Zukunft: Am Abend des 16. Oktober, einen Tag vor den Abschlussfestivitäten zum 140-jährigen Jubiläum von Mercedes-Benz in diesem Jahr, eröffnete Marcus Breitschwerdt, Executive Vice President, Mercedes-Benz AG und CEO Mercedes-Benz Heritage GmbH zusammen mit Kolleginnen und Kollegen sowie Anette Popp von der Stadt Fellbach feierlich das neue Classic Center Fellbach. Und er zeichnete mit dem „Mercedes-Benz Heritage Lifetime Achievement Award“, der besondere Lebensleistungen in der automobilen Kultur würdigt, Sandra Button, Chairman des Pebble Beach Concours d’Elegance für ihr Lebenswerk aus. Schließlich gehe es auch Button bei ihrem Engagement darum, automobile Geschichte zu bewahren, historische Fahrzeuge erlebbar zu machen und kommende Generationen dafür zu begeistern.
„Die umfassende Erweiterung des Classic Centers ist ein Meilenstein für Mercedes-Benz Heritage. Das Leistungsangebot für den langfristigen Erhalt klassischer Automobile mit dem Stern macht deutlich, wofür unsere Marke steht: für höchste Qualität, Pflege unserer Geschichte und den Blick in die Zukunft. Ganz im Sinne unseres Leitgedankens ‚Heritage Creates Future´“. Mit diesen Worten brachte Breitschwerdt die bekannte Weisheit von Michael Ende „Wer keine Vergangenheit mehr hat, der hat auch keine Zukunft“ aus seiner Sicht auf den Punkt. Diese titelte der bekannte Schriftsteller in seinem Roman „Die unendliche Geschichte“. Da bleibt einem nur zu wünschen, dass auch die von Mercedes-Benz ein solche werde.
Classic Business Day | 18. November 2026
Autos von gestern, Geschäft für morgen: Die Fachtagung für Young- & Oldtimer
Das Expertenmeeting zum Handel mit historischen Fahrzeugen bietet Profis wie auch Einsteigern umfassende Experteneinblicke. Im Fokus stehen diesmal drei große Themen, zu denen es Vorträge sowie eine Diskussionsrunde geben wird: Additive Fertigung (3D-Druck), Smart Repair sowie Reifen & Räder. Veranstaltungsort ist 2026 das Autohaus Hagenlocher in Böblingen.
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