»kfz-betrieb«-Autocheck: Audi A6 Avant Der analog-digitale Widerspruch

Von Dr. Martin Achter 4 min Lesedauer

Kaum eingestiegen, will man gar nicht mehr aussteigen: Der A6 trägt einen förmlich durch den Alltag. Doch je länger man das Auto fährt, desto klarer wird – zwischen umfassendem Fahrkomfort und Touchscreens ergibt sich für die Nutzer eine konzeptionelle Kluft.

Der Audi A6 Avant 40 TFSI S-Line im Test: Gediegener Auftritt mit sportlicher Note.(Bild:  Achter – VCG)
Der Audi A6 Avant 40 TFSI S-Line im Test: Gediegener Auftritt mit sportlicher Note.
(Bild: Achter – VCG)

Der Audi A6 Avant will auch in sechster Generation das bleiben, was er immer war: eine Art Gold-Standard unter der Dienstwagen, das treue Reiseschiff für Business-Nutzer und für die gut situierte Familie. Genau dieses Gefühl stellt sich auch in unserem Testwagen in der Ausführung Audi A6 Avant 40 TFSI S-Line sofort ein – kaum eingestiegen, fühlt man sich getragen, nicht gefahren. Aber mit der Zeit mag – je nach individuellem Eindruck des Nutzers – auch ein gewisser Widerspruch zu Tage treten: Das Auto verspricht einerseits analoge Gelassenheit, verlangt anderseits im Alltag aber eine gewisse digitale Aufmerksamkeit. Denn bequeme Sitze und kapazitive Touchflächen stehen nicht zwingend in Einklang.

Zwar ist Progressivität eine Kerneigenschaft der Marke. Wie stark der Bedienkomfort aber unter der Gesamtheit digitaler Bedienlogik leiden darf, ist diskussionswürdig. Traditionell gab es bei Audi, so auch im A6, viele Knöpfe und Regler. Diese hat der Hersteller geopfert. Andere Konzernmarken bekennen sich bereits wieder ausdrücklich zu analoger Bedienlogik.

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Trotzdem: Die analoge Seite der Macht ist stark im A6. Die Sitze sind sehr bequem, die Beinfreiheit vorne wie hinten großzügig. Trotz des stark abfallenden, aerodynamisch optimierten Hecks bleibt die Übersicht nach hinten gut. Das Fahrverhalten unterstreicht den Charakter: Der A6 schwebt eher, als dass er fährt, und würde, müsste man es fürs Fahren nicht ohnehin tun, den Nutzer zum Zurücklehnen einladen.

Bemerkenswert dabei: Das Komfortgefühl ist innerhalb von Audis Modellfamilie konsistent – im kleineren Schwestermodell A5 fährt es sich erstaunlich ähnlich. Das ist vielleicht wenig überraschend, aber genau das kann Qualität gerade ausmachen: Ein Fahrzeug mag vielleicht langweilig wirken, aber trotzdem ist es einfach gut. Genau das ist die Business-Class-Tugend, für die der A6 seit Jahren steht: Man muss sich um nichts kümmern, das Auto nimmt einem die Anstrengung ab.

Diesem entspannten analogen Grundgefühl auf den Sitzen steht ein durchdigitalisiertes Cockpit gegenüber. Ein gekrümmtes Display verbindet Fahrerdisplay und zentralen Touchscreen zu einer Bedienbühne, ergänzt um ein zweites Touch-Display für den Beifahrer. Dessen Existenzberechtigung erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Weil das zentrale Display in der neuen Generation höher sitzt, vor allem aber dem Fahrer zugewandt ist, ist es vom Beifahrersitz nicht ohne Weiteres erreichbar – das eigene Beifahrer-Display kompensiert diesen Nachteil.

Auffällig ist der fast vollständige Verzicht auf klassische Knöpfe. Selbst die Klimaanlage läuft über den Touchscreen. An Lenkrad und Fahrertür ersetzen kapazitive Touchflächen mechanische Schalter – für Spiegel, Sitzposition, Verriegelung, Navigation. Haptik in gewissem Maß ist insofern vorhanden, wirkt aber austauschbar; ob das einen Nutzer überzeugt, bleibt Geschmackssache. Dazu kommt das LED-Lichtband unterhalb der Frontscheibe und in den Türen, das unter anderem beim Blinken zusätzliche Symbole zeigt – obwohl der Blinker längst im Display sichtbar ist und hörbar tickt. Eine dritte Ebene der identischen Information.

Fordernde kapazitive Bedienelemente

Bezeichnend ist die Fahrertür: Auf den ersten Blick wirkt sie aufgeräumt, fast knopflos. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber eine Fülle kapazitiver Flächen, die – je nach individueller Wahrnehmung – mehr Aufmerksamkeit fordern als echte Schalter; nur ohne deren Vorteil, sie blind ertasten zu können. Richtige, gut greifbare Knöpfe (etwa für die Klimaanlage), fehlen an vielen Stellen, während gleichzeitig die Touch-Bedienung die Tür optisch überladen wirken lässt. Weniger wäre hier tatsächlich mehr gewesen – oder zumindest eine klarere Aufteilung zwischen Digital und Haptik.

Auch am Klavierlack in der Mittelkonsole zeigt sich ein Konflikt: Er soll Wertigkeit ausstrahlen, zieht aber Fingerabdrücke klassischerweise an und macht aus der Wohlfühlzone eine Pflegezone. Ein weiteres Beispiel liefert der Schulterblick nach links über die B-Säule, der durch abgedunkelte Heckscheiben im Testwagen und Sonnenschutz spürbar erschwert wird. Statt das Grundproblem zu lösen, wird es digital kompensiert – durch Kameras und Sensorik. Der Fahrer soll sich also gerade dort auf Technik verlassen, wo eigentlich der freie Blick genügen würde.

Am deutlichsten wird der Bruch bei der Konnektivität: Ausgerechnet die per USB-Kabel angebundene Smartphone-Verbindung riss bei Testfahrten mehrfach ab; das haben wir auch schon beim A5 beobachtet (mit jeweils anderen Kabeln). Digitale Vernetzung, das zentrale Versprechen moderner Infotainment-Systeme, funktioniert damit ausgerechnet dort nicht zuverlässig, wo sie am nötigsten wäre. Klar, wahrscheinlich geht der Hersteller davon aus, dass Nutzer ihre mobilen Endgeräte standardmäßig kabellos mit dem Fahrzeug verbinden. Für die Verbindung mit Kabel sind aber trotzdem entsprechende USB-Anschlüsse vorhanden.

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Ansonsten zeigt der getestete 40 TFSI mit 150 kW/204 PS und 340 Nm einen tollen Cruiser-Charakter. Er ist serienmäßig mit MHEV-plus-Mildhybrid ausgestattet, der bis zu 17 kW/24 PS elektrischen Zusatzschub liefert, allerdings nur mit Frontantrieb kombinierbar. Der Werksverbrauch liegt bei 7,2 bis 8,5 Litern, der Sprintwert bei 8,3 Sekunden auf 100 km/h – Werte, die den Motor klar als Effizienz- und Komfortantrieb positionieren, nicht als Leistungsträger. Der im Test gemessene Praxisverbrauch von 8,99 Litern im Fahrmodus „Balanced“ bewegt sich damit nur knapp oberhalb der Normangabe und bestätigt den unaufgeregten, alltagstauglichen Charakter des Motors.

Der Audi A6 Avant 40 TFSI S-Line erfüllt seine Rolle: Er ist ein komfortabler, gediegener Langstreckenbegleiter, der sich in puncto Platz, Sitzkomfort und Fahrwerk keine Blöße gibt. Doch genau in dem Moment, in dem man sich zurücklehnen möchte, verlangt das digitale Bedienkonzept wieder Aufmerksamkeit. Da ist ein gewisser Widerspruch.

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