Kurioses Liederbuch für frühe Automobilisten

Autor: Steffen Dominsky

Vor rund 120 Jahren lobte der Allgemeine Schnauferl Club ein Preisausschreiben für ein Liederbuch aus. Heraus kam ein aus heutiger Sicht illuster bis grotesk wirkendes Werk, das im wahrsten Sinne des Wortes ein Loblied auf das Automobil singt.

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Das „Autler-Liederbuch“ brachte der ASC 1902 heraus. Eines von noch zwei existierenden Exemplaren besitzt das Mercedes-Benz-Museum.
Das „Autler-Liederbuch“ brachte der ASC 1902 heraus. Eines von noch zwei existierenden Exemplaren besitzt das Mercedes-Benz-Museum.
(Bild: Daimler AG)

Nein, er ist nicht der älteste Automobilclub der Welt, und auch nicht von Deutschland. Aber mit „Baujahr“ 1900 ist einer der ganz ganz alten und der älteste reine Oldtimerclub Deutschlands: der Allgemeine Schnauferl Club (ASC). Kaum gegründet, rief er 1902 seine Mitglieder auf, sich an einem Liederbuch zu beteiligen. Einem, in dem es um was geht? Genau: von A bis Z um das noch junge Automobil. Damals, um die Jahrhundertwende, war in Deutschland Kaiserzeit. Eine Zeit, in der man vieles glorifizierte: den Kaiser, das Reich, die typisch deutschen Tugenden und natürlich das Automobil. Schließlich hatte man das ja auch erfunden! Entsprechend pathetisch, heroisch und „schräg“ fielen die Texte aus heutiger Sicht auch aus. Als Basis für die Texte diente bekanntes, zeitgenössisches Liedgut – man textete dieses kurzerhand um.

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Heraus kam ein knapp 100 Seiten umfassendes Büchlein, unterteilt in die Rubriken „Sportlieder“ und „Allgemeine Lieder“. Es sollte Basis sein für gesellige Abende der Schnaufferl-Clubmitglieder. Deshalb huldigten die Texte nicht nur dem Automobil, sondern auch jeglicher Art von Getränken: „Das Weißbier laßt uns an der Spree,/Den Grog in Hamburg kosten,/Wer aber Vorlieb hat für Tee,/Töfft einfach gegen Osten.“ Ach so, der Titel des Sangwerks lautete „Motorpheus – Das Autler-Liederbuch“. Dazu muss man wissen: „Autler“ war ein Kunstwort, das der ASC ein Jahr zuvor im Zuge eines „Verdeutschungs“-Preisausschreibens hatte kreieren lassen. Man suchte nach einem Ersatz für das griechisch-lateinische Wort „Automobil“. Heraus kam dabei der Begriff des „Aut“, aus dem man den „Autler" und das „auteln“ ableitete – analog dem Begriff „Rad“: der Radler, das Radeln, radeln.

Gerade mal zwei Exemplare überlebt

Doch trotz aller Mühe, die sich die Textautoren und auch der ASC gaben: Ein großer Erfolg war dem Autler-Liederbuch nicht beschieden, im Gegenteil. Von dem nur in geringer Stückzahl aufgelegten Machwerk haben gerade einmal, soweit bekannt, zwei Exemplare überlebt. Eines davon entdeckte Dieter Ritter, bekannter Autor und Urgestein der deutschen Oldtimerszene, in einer Online-Auktion. Neugierig auf das Büchlein wurde Ritter durch Kommissar Zufall: „Auslöser war ein Taschenbuch aus dem Jahr 1998 mit dem spannenden Titel ‘Nervenkitzel und Freizeitvergnügen – Automobilismus in Deutschland 1886 bis 1914‘. Dabei ging es unter anderem um die Entstehung der deutschen Automobilclubs wie den Allgemeinen Schnauferl-Club. Geradezu elektrisiert hat mich im Beitrag über den ASC ein einziger Satz: ‘Ein zweites Preisausschreiben widmete man der Dichtung von Schnauferl-Liedern, die 1902 im ‘Autler-Liederbuch‘ erschienen“, blickt Ritter zurück.

Doch im sonst so „gut informierten“ Internet fand er nichts zu diesem Buch – außer dem Hinweis auf besagte Onlineauktion, die bereits abgelaufen war. Keine Gebote, nicht verkauft. „Also nahm ich Kontakt zu der Anbieterin auf und konnte das Büchlein prompt erwerben. Der Großvater der Verkäuferin war Mitglied im ASC, stellte sich heraus“, freut sich Ritter noch heute. Sein persönlicher Favorit ist das Lied „Schnauferl, Schnauferl über Alles“, das melodisch an die heutige Nationalhymne angelehnt ist. Damals war es nur „Das Lied der Deutschen“ – zur Nationalhymne wurde dieses erst 1922. „Interessanterweise ist es im Inhaltsverzeichnis irrtümlich unter ‘Stimmet an die hehre Weise‘ gelistet. Aber auch damals machte man schon Fehler“, schmunzelt Ritter mit Blick auf dieses Stück interessante automobile Zeitgeschichte.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group